Ja, sie langweilt sich. August, nun schon längst wohlbestallter Kammerassessor, ist wieder einmal seine eigenen Wege gegangen, und mit der verliebten Uli, der Gesellschafterin, die ihren Riemer im Kopf hat, ist auch nichts Rechtes anzufangen. So wandert sie durch die Zimmer des großen Hauses. Ihr ist heute nicht so recht. Daß aus Teplitz kein Brief gekommen, macht ihr Sorge. Und die stillen, feierlichen Räume mit den tausend Erinnerungen an Dingen, von denen sie nichts weiß und versteht, bedrücken sie … der kolossale Kopf der Juno, die Nike, die ewig gleich und ruhelos auf ihrer Kugel über den ovalen Tisch fliegt, die Silhouetten, die Kupfer an den Wänden.

Mit einem halben Seufzer tritt sie ans Fenster und blickt auf den Platz hinab, den Maisonne mit Licht geradezu überschüttet. Ein leerer Nachmittag. Was tun? Haus und Garten sind in Ordnung, alles blitzt, alles funkelt, nirgends liegt ein Stäubchen. Draußen aber lacht der junge Sommer durch die Gassen und lädt ins Freie. Sie denkt an Berka, denkt ans Rödchen, an Belvedere. Belvedere … das wäre etwas! Da könnte man hübsch im Gasthof Kaffee trinken, nachher ein bißchen in den Park gucken oder die Schwäne füttern, da würden die dummen Gedanken schon vergehen. Und kurz entschlossen schickt sie zu Frau Dr. Vulpius herum, die nebenan wohnt, und zu Lortzings und der Demoiselle Engels, der Sängerin: ob die Damen nicht mit nach Belvedere fahren wollten? Der Wagen stände bereit, und Kuchen nähme sie mit.

Schon ein paar Minuten später schellt es unten … am Torweg, wo es zur Küche geht. Denn das Mittelportal, das zu der großen Treppe führt, ist nur für die illustren Gäste da, das weiß ganz Weimar. Es ist die Schwägerin. Ihr folgt die kleine Engels auf dem Fuße. Beide in ihrem besten Staat, die frisch gestärkten Kleider rauschen, die Engels, ein lebendiger Blumenstrauß, hat überm Arm an himmelblauem Band den großen Schutenhut hängen. Lortzings, meldet der Diener, sind schon zu Fuß nach Belvedere.

Und es dauert nicht lange, da biegt die offene Chaise mit den vier Damen aus dem dunklen Torweg, und in lustigem Trab — aus den Fenstern am Frauenplan strecken die Nachbarn neugierig die Köpfe — geht es durch die Frauentorstraße, am Jägerhaus vorbei, wo Christiane als Goethes »Klärchen« so schöne Stunden verlebt und wo sie August unter dem Herzen getragen, in die Belvedere-Allee. Das Römische Haus ist ganz in Flieder und Jasmin gebettet. Auch die Kastanien blühen. Das sind nun auch schon alles große schattige Bäume geworden. In ihrer Kindheit, entsinnt Christiane sich, führte ein elender staubiger Fahrweg nach Belvedere; wo das Römische Haus steht, war kahles Feld; und der Park? mein Gott, das war alles Sumpf und Wiese und graues Weidengestrüpp. Die samtenen Rasenflächen, die jetzt da in der Sonne leuchten, die schönen Bosketts, die schattigen Wege, das hat alles erst der Hätschelhans geschaffen. Auch die Kastanien der Allee hat er erst angepflanzt. Nun fährt man wie durch einen großen Garten nach dem Belvedere, und erinnerungsversunken streicht die kleine Frau die weißen Blüten, die von den Bäumen in den Wagen regnen, auf ihrem Schoß zusammen und streut mit spielerischer Hand sie in den Wind, der sanft und warm die Fahrenden umfächelt … Grüße, die nach Teplitz wandern.

Aber das ist nur ein kurzer Augenblick. Schnell ist sie wieder mit den Freundinnen in lustigem Gespräch, ihr helles Lachen übertönt das Rollen des Wagens, das Getrappel des Pferdchens. Und als am Ende der Allee hügelauf zwischen den Parkbäumen das Schloß auftaucht mit glitzernder Fontäne, da winkt sie unbekümmert mit dem Taschentuch Willkommensgrüße zu den herzoglichen Fenstern hinüber … ganz Kind, ganz Lebenslust, ganz Sommerfreude.

Im Gasthofsgarten oben, unter den Linden, suchen Lortzings, mit Hallo begrüßt, schon nach einem schattigen Platz. Schnell ist der Tisch gedeckt. Der Wirt, in weißer Schürze, bedient höchstselbst die lustige Gesellschaft. Das läßt er sich nicht nehmen, wenn die Exzellenz Goethe da ist. Die Kaffeetassen klappern, um den Kuchen summen erste Bienen, auf dem Teiche vor der Schlehdornhecke gleiten langsam die Schwäne auf und ab — behaglich sitzt Christiane im warmen Blätterschatten, die Hände im Schoß. Erzählt, läßt erzählen und denkt bisweilen auch, das Auge traumverloren in der Ferne, wo im Sonnendufte Weimar mit seinen Türmen liegt, an ihren lieben Geheimderath in Teplitz.

Und leise kommt der Abend. Im Parke fangen die Nachtigallen an zu schlagen. Alle Wege umspinnt eine süße Heimlichkeit — wie damals, als die junge Christel, das »kleine Naturwesen«, sich zu dem Geliebten ins Gartenhaus am Stern stahl. Durch die laue Dämmerung geht es heim, und während aus den Wiesen Ober-Weimars weiß die Nebel steigen, singt die kleine Engels mit halber Stimme Goethe-Lieder …

Noch nachts schreibt Christiane nach Teplitz. Schwärmt kindlich von dem schönen Nachmittag in Belvedere, vom Abend, wo sie zu Hause mit Uli und der Schwägerin noch ein bißchen »Rabusche« gespielt. Und für morgen wäre, wenn das Wetter so bliebe, »eine Partie nach Zwätzen arrangirt«, und für Sonntag hätte die Knebel sie nach Jena eingeladen, zum Tanzen. Und sie wäre »wie ein Vogel so vergnügt« und »sein treuer Schatz«. Und wenn wir auch nicht wissen, ob sie wirklich so geschrieben hat, denn ihre Briefe aus dieser Zeit sind verloren gegangen, so hat der Brief doch sicherlich so ähnlich gelautet.

Goethe, nun doch schon ein Sechziger, lächelt behaglich, als er das krause Geschreibsel erhält. »Ich freue mich,« antwortet er, »daß Alles bei euch wieder im alten Gleise geht, die Besorgung der Gärten, das Theater und das liebe Belvedere. Fahret so fort, das Nöthige zu thun und euch zu vergnügen.« Und mag wohl auch bei diesen Worten an die übermütigen Verse gedacht haben, die er vor noch gar nicht langer Zeit für »Die Lustigen aus Weimar« niedergeschrieben hat, an jenes heitere Gedicht: