Jena im November. Um den »Hanfried«, Johann Friedrichs des Großmütigen ehrwürdiges Denkmal mit dem altmodischen Eisengitter, raschelt das letzte welke Laub — freigebig verstreuen es die Bäume des Marktes, und nicht lange mehr, so stehen sie kahl, und allein die grauen, verwitterten Häuserrahmen dann den weiten Platz.

Früh kommt die Dämmerung. Sie kriecht von den Bergen her durch die engen, winkligen Gassen der Stadt, umschattet die Türme, hängt feuchte Schleier um Giebel und Dächer und hockt sich in die Tür- und Fensternischen. Sie kommt auch zu dem Fremdling, der bei Göhre sitzt und auf den Markt herabschaut, vom schweren roten Wein ein wenig müde. Setzt sich zu ihm in das dunkle Fenster und erzählt von der Vergangenheit. Die zu suchen, ist hier der Fremdling von Weimar, der gnadenreichen Stadt, herübergefahren, und blasse Mittagssonne hat auf stiller Wanderung alle Wunder des »lieben närrischen Nestes« enthüllt. Nun, da der Abend nahe, lockt die schattenhafte Stadt zu neuer Wanderung. Vielleicht, so raunt die dunkle Stunde, daß sich ein Wunder begibt und, was die langen Jahre friedlich in Gräbern und in Grüften ruht, für kurze Zeit lebendig wird und wandelt … vielleicht, daß die Legende einmal aufersteht, die diese Stadt und diese Straßen verklärt!

Dunkel die Häuser, dunkel der Weg. Laternenlicht huscht über schwarze Mauern. Merkwürdig stehen, wo sich die Gassen kreuzen, die Giebel gegen den blassen Himmel — Kulissen zu Szenen und Geschichten, wie sie der Geist zuweilen in Nächten ohne Schlaf aufbaut und die im Hirn der Dichter als Träume leben. Einmal steht man auf hochgewölbter Brücke und blickt versonnen auf eines Flusses ruhevolles Gleiten, Baumwipfel spiegeln sich, ein helles Fenster. Dann wieder Gassen hin und her, Parkanlagen, aus denen herber Duft steigt, in schwarzem Rasen leuchtend eine weiße Herme, hinter schwarzen Bäumen hell der Sandsteinbau der Universität.

Hier stand einst das Schloß. Goethe hat oft darin gewohnt, in Knebels »alter Stube«, in der er sich immer so wohl gefühlt hat. Es muß ein düsterer, winkelreicher Bau aus Urvätertagen gewesen sein, dies alte Schloß, halb verfallen schon zu Goethes Zeiten. Daß es abgerissen wurde, ist trotzdem ein Unrecht, die Tat einer pietätlosen Zeit, der Erinnerungen Schall und Rauch. Ein Bürger Jenas hat damals den Torbogen gerettet, durch den Goethe und Schiller und auch Carl August so oft geschritten sind, und hat ihn in die Mauer seines Gartens einfügen lassen, weit draußen vor den Toren der Stadt, im Mühltal. Auch in dem Winter auf 1808 hat Goethe hier gewohnt, jenem Winter, in dem das Herz des fast Sechzigjährigen sich in jäher Liebe Minchen Herzlieb zuwandte, der schönen Pflegetochter des Buchhändlers Frommann, und wenn Goethe da nachmittags oder abends zu Frommanns ging, so hatte er keinen Weg zu machen: sie wohnten nur ein paar Schritte ab, gleich schräg gegenüber.

Nur ein paar Schritte ab, gleich schräg gegenüber … das schlichte Haus steht noch da, niedrige Mauer trennt es von der Straße, an die es nur mit dem einen Flügel heranreicht, der andere, mit jenem durch einen fensterreichen Mittelbau verbunden, endet in einem Gärtchen. Der frühe Abend, nun schon ganz zu Dunkelheit geworden, läßt nur Umrisse erkennen, doch über Dach und First fliegt ab und zu ein blasser Glanz, wenn der Mond für Augenblicke aus den eilig wandernden Wolken hervortritt: Theater, das Beschwörung haucht. Und irgendwo rauscht Wind, irgendwo schlägt eine Uhr, langsam und bedächtig, der Fremdling zählt die Schläge … fünf, sechs, sieben. Stille. Sieben Uhr! Da gleitet ein Schatten vorüber, eine große Gestalt, »im weiten Mantel bis ans Kinn verhüllt«, auf dem Kopfe einen niedrigen Zylinder. Traum! Denn dies, das Herz setzt aus und klopft dann wilden Takt, ist Goethe! Auferstanden von den Toten … also hat sich der Zeiger der Weltuhr gedreht, hat sich das Wunder begeben, sind hundert Jahre ein Nichts geworden?

Gleichviel … auf fliegt der eine Torflügel, wie von Geisterhand berührt, Schritte hallen über den Hof, ein Klopfen zerreißt die abendliche Stille, Fenster werden hell, eine Türe tut sich auf, und im warmen Lampenschein steht eine Mädchengestalt, rührend, lichtumflossen, Gretchen in der Mode von 1800, ein Häubchen deckt das dunkle Haar. Dem Lauscher vor dem finsteren Tor wird heiß … »Guten Abend, Exzellenz!« Willkommenssingsang, lieblichster, aus Mädchenmund. Und die dunkle Gestalt im Mantel breitet froh die Arme: »Lieb Kind! Mein artig Herz!«

Und die Türe fällt zu, die Fenster werden wieder dunkel, schweigend liegt das Haus. Goethe und Minchen Herzlieb! Der Fremdling schauert. Wind fährt die Straße herauf, feuchter Wind von den Saalewiesen, der frösteln macht, Ziegeln klappern, an der Mauer scheuern sich ächzend Zweige.