War's Spuk?
Ein Traum erregter Sinne? Vision aus Büchern?
Gassen, nun schon schwarze Nacht, führen wieder zum Markt, zu Göhre … mit dem putzigen kleinen Zigarrenladen, mit der Wendeltreppe, mit den alten Stuben und den alten Sofas: Raabe-Klima. Das läßt gut weiterträumen.
Jena im November. Tage der Versunkenheit. Der spürenden Erinnerung erschließt sich die Vergangenheit, und der Jenaer »Advent von Achtzehnhundertsieben«, der sich in Goethes Brust nach eigener Konfession mit Flammenschrift eingeschrieben, ersteht aufs neue.
Wie war das doch mit Minchen Herzlieb?
Am 13. Dezember 1812 empfiehlt Zelter Goethe in einem Briefe einen Berliner Gymnasialprofessor namens Pfund, der nach Weimar kommen werde. Goethe antwortet am 15. Januar 1813 dem Freunde: »Herrn Pfund habe ich gern und freundlich, obwohl nur kurze Zeit gesehen. Er empfahl sich mir besonders durch seine Anhänglichkeit an Dich. Seine Braut fing ich an als Kind von acht Jahren zu lieben und in ihrem sechzehnten Jahr liebte ich sie mehr als billig. Du kannst ihr auch deshalb etwas freundlicher sein, wenn sie zu Euch kommt.«
Das Haus des Buchhändlers Frommann zu Jena
Im Querbau oben die Fenster des Wohnzimmers
Diese Braut, von der Goethe spricht, war Minchen Herzlieb. Er lernte sie tatsächlich schon früh kennen, wenn auch nicht als Kind von acht, so doch von neun Jahren. Sie war eine Pflegetochter des Buchhändlers Friedrich Ernst Frommann in Jena, in dessen Haus Goethe seit 1798, wo dieser kluge und tiefgebildete Mann von Züllichau nach Jena übergesiedelt war, viel und freundschaftlich verkehrte. Denn er fand dort fast das ganze geistige Jena jener Zeit, und es ist nicht allein Frommann selbst gewesen, der sein Haus zu diesem Sammelpunkt von Dichtung und Wissenschaft zu machen verstand, sondern vor allem wohl auch seine Frau, die mit aller bürgerlichen Bescheidenheit Grazie und Anmut und geistige und künstlerische Interessen zu verbinden wußte. Ihr Sohn, der später die Frommannsche Buchhandlung übernahm und im Geiste des toten Vaters weiterführte, hat ihr 1870 in seinem kleinen Buche »Das Frommannsche Haus und seine Freunde« ein rührendes Denkmal gesetzt, und auch Goethe hat immer viel von dieser seltenen und noch im Alter anmutigen Frau gehalten — seine zahlreichen Briefe an die »teure Freundin«, seine besorgten Anfragen nach ihrem Wohlergehen, seine häufigen Besuche, seine wiederholten Einladungen nach Weimar bezeugen das.