In diesem gastfreien und lebendigen Hause nun wuchs Minchen Herzlieb auf, eine Waise, die Tochter eines Pfarrers aus Züllichau, wo sie am 22. Mai 1785 geboren worden war. Sie war neun Jahre alt, als die Pflegeeltern nach Jena kamen, ein hübsches, zutrauliches Kind, das neben den Stiefgeschwistern still und ruhig dahinlebte und Goethe, der für hübsche Kinder immer eine Vorliebe hatte, wohl gefallen haben mag. Für ein Mehr an Gefühl allerdings fehlt aus diesen frühen Jahren jeder Beleg. Auch seine spätere Äußerung zu Zelter ist wohl kaum so zu deuten, scheint vielmehr ein wenig scherzhaft gemeint, wenn auch von einem leisen Klang der Wehmut durchzittert, daß er die, die er nachher »mehr als billig« geliebt, so rasch verlieren mußte … Daß sie ihm, unbewußt, schon als kleines Mädchen mehr gewesen ist als bloß das hübsche Pflegekind der Freunde, ist ihm erst klar geworden, als die Liebe zu dem reizvoll aufgeblühten Wesen die Erinnerung auch an das Einst verklärte, — wie der gereifte Mann ja oft schon das Kind geliebt zu haben glaubt, das seinem Herzen später als Frau teuer ist. In einem der Sonette, die er später in »Raserei der Liebe« an sie gerichtet, hat er diese nachträglichen Empfindungen reizvoll umschrieben:

Als kleines art'ges Kind nach Feld und Auen
Sprangst du mit mir, so manchen Frühlingsmorgen.
»Für solch ein Töchterchen, mit holden Sorgen,
Möcht' ich als Vater segnend Häuser bauen!«

Und als du anfingst, in die Welt zu schauen,
War deine Freude häusliches Besorgen.
»Solch eine Schwester! und ich wär geborgen:
Wie könnt' ich ihr, ach! wie sie mir vertrauen!«

Doch das heißt der Zeit vorgreifen! Jahr und Tag gingen zunächst hin, ohne daß Goethe das holde Wunder, das sich da in dem Haus am Fürstengraben entfaltete, mit den Augen des Mannes, des Liebhabers gesehen hätte. Das entdeckte als erster ein junger livländischer Edelmann, der in Jena studierte und bei Frommanns verkehrte, ein Herr von Manteuffel. Minchen war damals noch nicht vierzehn Jahre, und nach der Schilderung, die der Stiefbruder in seinem Buche gibt, muß sie entzückend gewesen sein, schon ganz das schöne Geschöpf, das wenige Jahre später dem sechzigjährigen Goethe Pandora, die milde Göttin, und die Ottilie der »Wahlverwandtschaften« wurde: »So gesund sie von Jugend auf war, entwickelte sie sich doch geistig nur langsam und behielt ihr Leben lang etwas Träumerisches. Eine regelmäßig schöne Gesichtsbildung hatte sie zwar nicht, aber ihr reiches schwarzes Haar und ihre großen braunen Augen mit dem unbefangenen freundlichen Ausdruck, der auch um ihren Mund spielte, ließen nicht an das denken, was etwa fehlen mochte, zumal alles in Harmonie war mit dem Ebenmaß ihrer schlanken Gestalt und der Anmut jeder ihrer Bewegungen, beseelt durch allgemeines Wohlwollen, bescheidenes, hingebendes, auf alle Bedürfnisse und nicht ausgesprochenen Wünsche der anderen aufmerksames Wesen. So war es natürlich, daß sie auf alle, die ihr, wenn auch nur in gewisser Entfernung, nahten, einen unwiderstehlichen Zauber übte, der sich auch noch in späten Jahren alle Herzen gewann.«

So auch ein Bild von ihr aus diesen Jahren, ein Miniaturporträt von der Hand Johanna Frommanns, die als Mutter vielleicht mit den Augen der Liebe gesehen, aber aus dem gleichen Grunde sicherlich den geistigen Ausdruck des geliebten Kindes besser getroffen hat als mancher Berufskünstler. Das ist schon die Ottilie Goethes, die in der Pension in ihrer rührenden, ein wenig dumpfen Einfalt und Bescheidenheit das Herz des »Gehülfen« rührt, später, auf Eduards Schloß, diesen in ihren Bann zieht … die dunklen, unschuldsvollen Augen sind leicht verschleiert, mädchenhafter Liebreiz liegt um Wange und Mund, das lockige Haar rahmt eigenwillig das zarte Antlitz. Minchen hat dies Bild einer Freundin geschenkt, Christiane Selig, als diese im Sommer 1806 Jena verließ und nach Lüneburg zog. Christiane Selig, die dort dann bald heiratete, war auch das einzige Wesen, dem gegenüber Minchen etwas mehr aus sich herausging, war die Vertraute, vor der sie, im übrigen von einer fast krankhaften Verschlossenheit und Mitteilungsscheu, keine Geheimnisse hatte. Mit ihr allein stand sie in brieflichem Gedankenaustausch, und die wenigen Blätter von ihrer Hand, die aus diesem Briefwechsel erhalten sind, sind die einzigen Briefe, die wir überhaupt von ihr besitzen — Dokumente einer stillen, verträumten Natur, die sich in Selbstanklagen und Zweifeln gefiel, im Ton oft überschwenglich und auf der anderen Seite von einer rätselhaften Schwermut beschattet: Ottilien-Briefe!

»Die lieblichste aller jungfräulichen Rosen« nennt sie, ein wenig später, die Malerin Luise Seidler. Auch sie hat Minchen gemalt; das schöne Bild, wie das viel herbere der Mutter nun auch im Goethe-Haus am Frauenplan, dem es Vermächtnis, atmet den ganzen süßen Reiz dieser Mädchengestalt in seelischer Verklärung: eine Novelle in Farben. Novelle auch, wenn die Künstlerin weiter schwärmt: »… mit großen, dunklen Augen, die, mehr sanft und freundlich als feurig, jeden herzig-unschuldsvoll anblickten und bezaubern mußten; die Flechten glänzend rabenschwarz; das anmutige Gesicht vom warmen Hauche eines frischen Kolorits belebt; die Gestalt schlank und biegsam, vom schönsten Ebenmaß, edel und graziös in allen ihren Bewegungen. Sie liebte schlichte weiße Kleider; gewöhnlich trug sie auch beim Ausgehen keinen Hut, sondern nur ein kleines Knüpftüchelchen, unter dem Kinn zugebunden.«

So also lebte sie, ein liebenswürdiges Menschenkind, in dem schönen Haus am Fürstengraben, so ging sie durch die Gassen des alten Jena, Friederike Brion in neuer Gestalt. Die häusliche Wirtschaft, eine Mädchenfreundschaft, arglose Tändelei mit Jenas Studenten, Spaziergänge zum »Paradies«, war's Sommer, nach den Mühlen der Umgebung und wohl auch nach Burgau, Zwätzen und Lobeda, füllten dieses Leben aus. Wer sich ein wenig Mühe gibt, der findet auch im heutigen Jena noch genug, das diese alte Zeit heraufbeschwört, da Minchen Herzlieb mit dem Körbchen am Arm zum Krämer sprang oder des Sonntags sittsam zur Stadtkirche schritt — denn wie die Ottilie ihres großen Freundes hatte sie, das Pfarrerkind, immer eine Neigung zum Kirchlichen, und das Geheimnisvolle des Gottesdienstes mag ihrem träumerischen, kindlich hingebenden Wesen ein notwendiger Ausgleich zum Alltag gewesen sein.

Der junge Student, der zuerst das Weib in ihr gesehen und wohl auch geweckt, verließ nach einigen Jahren Jena. Warum? weiß man nicht … wie überhaupt diese ganze Episode in Dunkel gehüllt ist und nur ein schwaches Licht erhält aus Briefen Minchens an die Freundin in Lüneburg. Da klagt sie, daß er ein Bild von ihr eigenmächtig mit auf die Reise genommen habe, fühlt sich dadurch verletzt, in ihrem Ruf gefährdet und doch geschmeichelt. Neugierig fragt sie die Freundin, ob sie nicht wisse, was aus ihm geworden. Melancholie umflort die Zeilen.

Ja, hat sie diesen Herrn von Manteuffel wirklich geliebt? Wahrscheinlich, wie ein junges Mädchen, dem zum ersten Male ein Mann verehrend naht, eben liebt. Und wenn er auch später so etwas wie eine Idealgestalt für sie wurde, ihr Herz sein Bild nicht vergessen konnte — daß es sich um eine wirklich tiefe Neigung gehandelt hat, scheint wenig glaublich. Eine Jugendliebe war's, wie andere sie auch gehabt, kaum mehr. Wie überhaupt Minchen ihrer ganzen Veranlagung nach einer schenkenden, beglückenden Liebe kaum fähig gewesen sein dürfte, weder in jungen noch in späteren Jahren. Wesen wie sie entzünden wohl Neigungen und träumen sich wohl auch selbst in Glut; aber alles in allem ist ihr Reich nicht von dieser Welt, sie vermögen die Neigung nicht zu erwidern, die entfachte Glut nicht zu löschen. Sie war eigentlich die geborene Himmelsbraut. Dafür spricht auch der erschütternde Verlauf, den das weitere Leben dieser anima candida genommen, dafür die tragische Erfüllung ihres Schicksals, dagegen keineswegs das Goethe-Erlebnis, das diesem Mädchenleben flüchtigen Inhalt, ihrer Gestalt Unsterblichkeit gegeben hat.