Das Goethe-Erlebnis — wann begann es, wann endete es? Auch hier das merkwürdige Zwielicht, das über so vielen Liebesepisoden des großen Dichters schwebt. Von ihm vielleicht mit Absicht nicht durch Bekenntnisse und Mitteilungen unmittelbarer Natur aufgehellt, um dieser späten und ergreifenden Leidenschaft nichts von ihrem Duft, von ihrem Schmelz zu rauben; und Minchen Herzlieb selbst, die ja, soweit wir sehen, eine etwas passive Rolle dabei spielte und über den wahren Umfang von Goethes Neigung sich vielleicht nie ganz im klaren gewesen sein dürfte, war gar nicht in der Lage, nähere Aufschlüsse zu geben. Wo sie es getan, in brieflichen Äußerungen der Zeit, in späteren Mitteilungen, die man der Schweigsamen entlockt, hat sie sich auf Andeutungen beschränkt oder vielleicht beschränken müssen, weil ihre persönlichen Erinnerungen zu arm waren … mit einer Friederike Brion, einer Lotte Buff, einer Lili, einer Charlotte von Stein, einer Marianne von Willemer und deren Erinnerungen darf man das schöne Mädchen von Züllichau nicht vergleichen. Minchen, eben erblüht und vom ersten Glanz der Jugend umwittert, hat auf Goethe einen weit tieferen Eindruck gemacht als dieser, der »liebe alte Herr«, auf das blutjunge Mädchen. Sie ließ es sich gefallen, angeschwärmt zu werden; aber wieder schwärmen, das konnte sie nicht. Sie neigte nur demütig und dankbar, vielleicht sogar ein wenig verständnislos, das Haupt. Die anderen alle haben Goethe geliebt.

Es mag wohl um die Zeit gewesen sein, da noch der junge livländische Student das Herz Minchens besaß, daß Goethe gewahr wurde, wie aus dem kleinen Mädchen ein Weib, aus der Knospe über Nacht die schwanke, taufrische Rose geworden war. Das war im Herbst 1806, kurz vor den Schreckenstagen der Schlacht bei Jena. Goethe weilte damals vom 26. September bis zum 6. Oktober in Jena; wie sein Tagebuch meldet, war er oft »abends bey Frommanns«, und während er dort mit der Familie und den Freunden des Hauses um den Teetisch saß, vorlesend oder zeichnend und auf das Gespräch der anderen lauschend, mag sein Auge wohl bisweilen entzückt auf der sylphidenhaften Gestalt Minchens geruht haben, die leise hin und her ging und die Mutter mit kleinen Handreichungen in der Bewirtung der Gäste unterstützte … mag sein Dichterherz mit unbewußter Eifersucht den Abglanz erster Liebesfreuden und Liebesleiden in dem jungen Antlitz empfunden haben.

Goethe eilte dann nach Weimar, wie es die unsicheren Verhältnisse geboten. In einer Schilderung dieser Tage erzählt Johanna Frommann, wie sie mit Minchen am Fenster gestanden habe, als Goethes Wagen unten vorbeifuhr. Der Freund hatte sie wohl gesehen. »Er hielt und schickte noch herauf, uns ein Lebewohl sagen zu lassen; uns war, als entflöhe unser Schutzgeist — er blieb uns doch. Wer in seiner Nähe gelebt hat, wird sich des wohltätigen Eindrucks ewig erfreuen können …«

Die verhängnisvolle Zeit, die dann folgte, ging an Jena, ging auch am Frommannschen Hause gnädig vorüber, trotzdem gerade der »Graben« ein Tummelplatz der aufgelösten Soldateska war. Von Goethe traf noch am Sonnabend der Unglückswoche ein Rundschreiben in Jena ein, in dem er die dortigen Freunde, darunter natürlich auch Frommanns, um ein Lebenszeichen ersuchte: »Ich bitte daher Nachverzeichnete, nur ein Wort auf dieses Blatt zu unserer Beruhigung zu schreiben. Was mich betrifft, so sind wir durch viel Angst und Not auf das glücklichste durchkommen.« Ob er nicht um Minchen zumal besorgt gewesen ist, deren Schönheit in diesen Tagen fremder Einquartierung eine besondere Gefahr bildete? Frau Frommann mag so etwas gefühlt haben, und sie antwortete: »Unerlaubt froh sind Minchen und ich gestern abend über die guten Nachrichten von Ihnen gewesen, da es doch noch so viel anderes Unglück gibt! Ach, als Sie fortfuhren, war es, als wiche unser Schutzgeist! Er war nicht gewichen, die Worte, die durch Sie in unser Herz geschrieben waren, haben uns in den Stunden der höchsten Angst gehoben und erhalten. Dank dem Lehrer und dem gütigen Freunde!«

Das war am 19. Oktober 1806. Am gleichen Tage ließ sich Goethe mit Christiane Vulpius, die ihn mit eigener Lebensgefahr vor den Ausschreitungen französischer Marodeure geschützt hatte, in Weimar trauen — ein Schritt, der natürlich auch bald in Jena bekannt wurde und ohne Zweifel bei Minchen nur noch mehr darauf hingewirkt hat, in Goethe allein den »Lehrer und den gütigen Freund« zu sehen, als den ihn auch die Mutter, vielleicht mit Absicht, in ihrem Briefe apostrophiert hatte. Denn noch immer dachte das Mädchen schwermütig des geflohenen Geliebten — ein Brief an Christiane Albers, die Freundin, der nach Wiederkehr geordneter Verhältnisse anschaulich die Unglückstage des Oktobers schildert, fragt zum Schlusse aufs neue: »Ich habe noch etwas auf dem Herzen, nämlich ob Du wieder etwas von dem Bewußten gehört hast? Den Namen mag ich kaum nennen, es ist recht albern von mir, sein Schicksal könnte mir nun ganz gleich sein, denn es wird doch nie ein anderes Verhältnis zwischen uns stattfinden, und doch bin ich so neugierig, was er treibt, aber nun genug von dem Menschen, nie will ich wieder von ihm reden.« Man sieht: Entsagung, Neugier, Klage — die Spiegelung eines Herzens, das keine rechte Ruhe findet. Sie soll in jener Zeit auch den Hausgenossen gegenüber besonders verschlossen, oft traurig und bewegt gewesen sein, oft geweint haben, als ob ein schweres Leid sie bedrückte. Der Bruder, damals ein zehnjähriger Junge, erzählt, wie sie gerne Goethes »Trost in Tränen« vor sich hergesagt, das Lied wohl auch mit halber Stimme gesungen habe:

»Die Sterne, die begehrt man nicht,
Man freut sich ihrer Pracht,
Und mit Entzücken blickt man auf
In jeder heitern Nacht.

Und mit Entzücken blick' ich auf,
So manchen lieben Tag;
Verweinen laßt die Nächte mich,
So lang ich weinen mag …«

Sie war innerlich, bei aller Harmonie, die sie nach außenhin zur Schau trug, eine zerrissene Natur, schon damals. Jugendschwermut, nur hier besonders stark! Sie hat wohl frühe schon das tragische Geschick geahnt, das ihrer wartete: den geistigen Tod. Solche Menschen fühlen sich irgendwie gezeichnet … vielleicht hilft Rilke hier verstehen, der im »Stundenbuche« klagt:

»Da leben Menschen, weißerblühte, blasse,
und sterben staunend an der schweren Welt,
und keiner sieht die klaffende Grimasse,
zu der das Lächeln einer zarten Rasse
in namenlosen Nächten sich entstellt.«

So traf sie Goethe wieder, als er zuerst im Mai 1807, dann im Herbst aufs neue auf längere Zeit nach Jena übersiedelte, fand sie verklärt durch ein Leid, das jeder achtete, ohne es zu kennen. Es hatte ihren mädchenhaften Liebreiz nur erhöht, und der Dichter, nach langem Ruhen seiner Leidenschaften doppelt empfänglich, gab sich diesem Reiz nur allzu gerne hin: er fühlte, dem Herbst des Lebens nahe, so etwas wie das Werden eines neuen Liebesfrühlings. Die Worte »Abends bey Frommanns« werden im Tagebuch zur ständigen Floskel. Anfangs mag er wohl noch allein den geselligen Verkehr gesucht haben, der in dem gastfreundlichen Hause von alters herrschte, auch die gemütliche Teestunde mag ihn gelockt haben, zumal in dieser Jahreszeit, wo Sturm und Regen das alte Schloß umtobten und das Gefühl der Einsamkeit, des Alleinseins in dem riesigen Bau noch mehr verstärkten; da war es drüben bei Frommanns viel traulicher und netter, da wurde gesungen und gescherzt, gezeichnet und vorgelesen, es wurden Experimente gemacht mit der neuen Laterna magica, und vor allem war da Minchen Herzlieb.