Und so verging bald kaum ein Tag, wo er nicht um die Dämmerstunde Hut und Mantel nahm und über den dunklen »Graben« dorthin tappte — schweigend lag das Haus hinter seiner Mauer, die Fensterläden sorglich vor die Fenster geschlagen, kaum daß ein Lichtschein durch die Ritzen drang. Und dann stand er vor der niedrigen Hoftür und klopfte, und Minchen kam die Treppe herunter, dem verehrten Gast, dem väterlichen Freund zu öffnen. Schelmisch lächelnd stand sie ihm im Flur gegenüber — das Töchterchen, so dachte er im Anfang, das er sich immer schon gewünscht, dann Schwester, als er sich dieser holden Jugend gegenüber immer jünger werden fühlte, und eines Abends, heiß durchzuckte es den längst schon Graugewordenen, war es die Geliebte, die er in die Arme schloß. Und die es sich in Demut gefallen ließ.

Ja, hat Goethe Minchen Herzlieb wirklich in Armen gehalten? Sie sich vertrauend hineingeschmiegt? Ohne Zweifel. Warum auch nicht? Selbst wenn sie nur »väterliche Gunstbezeugungen« darin gesehen, ihr Herz den Schlag des seinen nicht ganz so heiß erwidert haben sollte, wie er vielleicht geglaubt. Denn seine Neigung war nun ja längst schon zu »Raserei der Liebe« geworden, längst hatte der stumm gewordene Mund des Dichters durch sie wieder den beschwingten Wunderlaut der Jugendzeit gefunden, sein Geist Aufschwung erfahren zu neuen dichterischen Plänen, neuen Entwürfen. Es war am 29. November gewesen, dem ersten Advent des Jahres 1807, daß Goethe, der Mann, in Minchen Herzlieb bei einer Mittagsgesellschaft, »mächtig überrascht«, das Weib erkannt hatte, ihm zur Gewißheit geworden war, daß er das Mädchen liebte … das Tagebuch zwar meldet nur kurz: »Mittags bey Frommanns mit Knebel, Seebeck, Oken, Wesselhöft. Kam Legationsrath Bertuch. Abends Schattenspiel. Sodann nach Hause. Knebel begleitete mich.« Nicht mehr — wie sparsam war doch dieser Goethe, wo es um seine Seele ging! Kein Name, keine voreilige Konfession! Aber wir wissen: an diesem Abend des 29. November begann er die »Pandora« zu diktieren, und daß er ihn in einem kurz darauf entstandenen Sonett als »Epoche« feiert, beweist, was er für ihn selbst gewesen ist.

Mit Flammenschrift war innigst eingeschrieben
Petrarcas Brust vor allen andern Tagen
Karfreitag. Ebenso, ich darf's wohl sagen,
Ist mir Advent von Achtzehnhundertsieben.

Ich fing nicht an, ich fuhr nur fort, zu lieben
Sie, die ich früh im Herzen schon getragen,
Dann wieder weislich aus dem Sinn geschlagen,
Der ich nun wieder bin ans Herz getrieben.

Petrarcas Liebe, die unendlich hohe,
War leider unbelohnt und gar zu traurig,
Ein Herzensweh, ein ewiger Karfreitag;

Doch stets erscheine, fort und fort, die frohe,
Süß, unter Palmenjubel, wonneschaurig,
Der Herrin Ankunft mir, ein ew'ger Maitag.

Siebzehn Sonette sind es, die sich um den Namen Minchen Herzlieb ranken. Sie sind in wenigen Wochen entstanden, die meisten in Jena als unmittelbarer Niederschlag der großen seelischen Erregung, ein paar dann noch in Weimar aus der Erinnerung heraus. Siebzehn Sonette in einer Frist von Wochen, und das bei Goethe, dem die Liebessonette der Romantiker noch vor kurzem so widerstrebten, der ihre tränenreichen Dichter als »Lacrimasse« verspottet hatte!

Wie ging das zu?

Am 2. Dezember war Zacharias Werner, der Dichter des »Luther« und der »Söhne des Tales« zu Goethe gekommen, um ihm, den er in Weimar verpaßt, seine Aufwartung zu machen. Tags darauf führte Goethe den damals Vielbesprochenen bei Frommanns ein. »Gegen 5 Uhr Werner und Knebel,« sagt das Tagebuch, »mit beyden zu Frommanns, wo Werner verschiedene kleine Gedichte, Sonette usw. vorlas.« Das war der Anfang der berühmten »Sonettenwut«. Denn es blieb nicht dabei, daß der bisherige Verächter des Sonetts, wie Knebel seiner Schwester schrieb, an denen Werners allein großes Gefallen hatte, sondern je mehr er sich mit diesem über die Kunstform des Sonetts unterhielt, um so mehr wuchs auch die Lust, sie selbst ernsthaft zu erproben, und bereits am 6. Dezember liegt das erste Goethesche Sonett »Das Mädchen spricht« fertig vor und wird bei Knebel vorgelesen — ein Liebessonett, natürlich, das aber die Beziehung auf Minchen Herzlieb noch nicht deutlich werden läßt und diese erst durch Einfügung in den späteren Zyklus erhält.

Damit war der Bann gebrochen. An dem »Sängerkrieg«, der nun bei Frommanns ausgefochten wurde und Minchen verherrlichte, beteiligte sich neben Werner, Riemer und Gries auch Goethe. Aber während die drei andern diesen Wettkampf mehr oder weniger als Spielerei betrachteten, gab Goethe Herzblut. Am 13. Dezember gestand er Minchen in dem Sonett »Wachstum« seine Liebe. Das Blatt, das er ihr schenkte, wurde einem langen Leben Reliquie. Noch in später Stunde schrieb das Mädchen, stolz und selig-verschämt, das Datum darauf und die Worte »nachts 12 Uhr« — in enger Stube, die Kerze flackerte, sie saß, halb ausgekleidet schon, auf ihrem Bett, und die Augen, die immer wieder die süßen Verse tranken, wurden heiß. Bis sie dann müde auf das Lager sank, das Blatt Papier am Herzen, und Traum sie forttrug. Die Frau Rat Walch hat fünfzig Jahre später noch dem Goethe-Forscher Loeper erklärt, daß sie in diesem Sonett ihr Verhältnis zu dem Dichter so dargestellt finde, wie es gewesen sei!