Aber auch das Tagebuch Goethes legt nunmehr, wortkarg allerdings wie immer, Zeugnis dafür ab, wie sehr ihn diese Sonettendichterei innerlich bewegt hat. Da heißt es am 10. Dezember: »Sonette. Lang im Bett gelegen« (was typisch für Goethe ist, der mit Vorliebe morgens im Bette dichtete), am 11.: »Das Sonett voran«, am 18.: »Einiges Sonettische«, am 16.: »Um 5 Uhr zu Knebel. Sonette vorgelesen. Um 8 Uhr zu Frommanns … Werner hatte vorgelesen. Nachher allein Werners Charaden-Sonett auf Minchen Herzlieb.« Dies Charaden-Sonett trieb Goethe dann zu seiner ungleich schöneren, lyrisch zarten Charade auf das Wort Herzlieb, die später Bettina von Arnim so viel Kopfzerbrechen bereitete, weil sie sie gern, wie die Sonette überhaupt, auf sich beziehen wollte und doch nie klug daraus wurde … Die Tagebuchstelle aber, die von dem Anlaß dazu berichtet, ist besonders merkwürdig: sie ist die einzige, wo der geliebte Name genannt wird. Er klingt noch einmal hier und da in Briefen auf. Das ist aber auch alles. Wo Goethe sich später dieser Zeit erinnert oder erinnern muß, begnügt er sich mit Andeutungen, die zugleich Schleier sind.
Siebzehn Sonette sind es im ganzen, die Goethe für Minchen Herzlieb gedichtet hat (nicht für Bettina, wie diese stolz sich brüstete); sie runden sich zu einem Kranz, der unverwelklich das süße Haupt dieser Mädchenblüte ziert … die magisch verklärte Geschichte einer Liebe, eine Sinfonia domestica, wie wir keine andere besitzen. Kuno Fischer, der Heidelberger Forscher, hat sie liebevoll und feinfühlig nach ihrem Inhalt geordnet, und wenn die zeitliche Reihenfolge auch dagegen sprechen mag, konzipiert, gedacht, geformt hat Goethe sie sicherlich so. Denn so erst wird die betörend süße Liebesnovelle daraus, die dem Alternden noch einmal (wie er glauben mußte, wenn er auch irrte: zum letzten Male) Rausch und Sehnsucht der Sinne schenkte. Da folgt dem »Mächtigen Überraschen« schnell ein »Freundliches Begegnen«, mit »Kurz und gut« beginnt das Liebesspiel, und »Das Mädchen spricht«, »Wachstum«, »Reisezehrung«, »Abschied«, »Die Liebende schreibt«, »Die Liebende abermals«, »Sie kann nicht enden«, »Nemesis«, »Christgeschenk«, »Warnung«, »Die Zweifelnden«, »Mädchen«, »Epoche« und »Charade« bringen dann in erregendem Auf und Ab des Gefühls die einzelnen Stationen dieser Leidenschaft bis zum Adagio des Ausklangs … am ergreifendsten vielleicht da, wo sich am unmittelbarsten Erlebtes widerspiegelt:
Wenn ich nun gleich das weiße Blatt dir schickte
Anstatt daß ich's mit Lettern erst beschreibe,
Ausfülltest du's vielleicht zum Zeitvertreibe
Und sendetest's an mich, die Hochbeglückte.
Wenn ich den blauen Umschlag dann erblickte,
Neugierig schnell, wie es geziemt dem Weibe,
Riss' ich ihn auf, daß nichts verborgen bleibe;
Da läs' ich, was mich mündlich sonst entzückte:
Lieb Kind! Mein artig Herz! Mein einzig Wesen!
Wie du so freundlich meine Sehnsucht stilltest
Mit süßem Wort und mich so ganz verwöhntest.
Sogar dein Lispeln glaubt' ich auch zu lesen,
Womit du liebend meine Seele fülltest
Und mich auf ewig vor mir selbst verschöntest.
Die »Epoche« ist das letzte in Jena entstandene Sonett. Es war Goethes Abschiedsgedicht. Denn am 18. Dezember kehrte er nach Weimar zurück, riß sich los — ob mit, ob ohne Einverständnis Minchens, ob nach schmerzlicher Trennung oder in wortloser Entsagung, wie er es gemeinhin zu tun pflegte, das bleibt dunkel. Nie ist darüber auch nur das geringste kund geworden. Der »Advent von Achtzehnhundertsieben« fand kein lichterhelles Fest als Krönung.
Und Minchen?
Am 10. Februar 1808 endlich erzählt sie der Freundin Christiane etwas von diesen Erlebnissen des Winters, und das auch erst, nachdem sie seitenlang von anderem geredet. »Diesen Winter haben wir,« so schreibt sie, »im ganzen recht froh zugebracht, ohne grade viele Menschen zu sehen. Goethe war aus Weimar herübergekommen, um hier recht ungestört seine schönen Gedanken für die Menschheit bearbeiten zu können …« Und so weiter. Es sei ihr unbeschreiblich wohl und doch auch weh in seiner Gegenwart geworden, und wenn sie manchmal abends in ihrer Stube seiner goldenen Worte gedacht habe, sei sie in Tränen ganz zerflossen. Dann erst ein paar nette Zeilen über Zacharias Werner, und, um mit ihr selbst zu reden: »damit Punktum«. Nichts von den vielen Sonetten, die ihr zu Ehren gedichtet worden waren, nichts von Goethes Liebe, nichts (oder doch nur sehr wenig) von seinen häufigen Abendbesuchen, die doch, wie ihr zumindest Instinkt hätte sagen müssen, schließlich einzig und allein ihr gegolten hatten! Und nichts von irgend einer Heimlichkeit, wie sie zwischen Liebenden doch einmal vorkommt — nichts! Verschloß ihr Scham den Mund? Gelöbnis? Einfalt? Rätsel über Rätsel, daß sie nach einem solchen Erlebnis selbst für die vertrauteste Freundin keine anderen Worte findet als die alltäglichsten, die man sich denken kann. Daß sie der jäh auflodernden Leidenschaft Goethes gegenüber etwas benommen geblieben war, ist möglich. Das paßt zu ihrem Charakterbild. Daß sie sie überhaupt ignoriert haben sollte, ist unmöglich und würde dem widersprechen, was die Gealterte später Herrn von Loeper gestanden hat. Sie könnte dann weder auf Goethe den tiefen Eindruck gemacht haben, dem die Sonette, die »Pandora« und die »Wahlverwandtschaften« Spiegelung sind, noch ist Goethe der Mann gewesen, eine unerwiderte Neigung zu »Raserei der Liebe« werden zu lassen. Vermutlich hat Goethe die Geliebte, als der Tag der notwendigen Trennung nahte, durch ein Gelöbnis zum Schweigen verpflichtet, vielleicht sogar um Vergessen gebeten. Nur so sind die leeren Worte zu der Freundin zu erklären, nur so ihr ganzes anscheinend teilnahmloses Verhalten, nur so die jähe Flucht aus Jena.
Denn es war eine Flucht, daß sie Jena so schnell verließ und in die Heimat zur Schwester eilte, die heiratete. Sie hoffte vielleicht, dort im Trubel der Hochzeit Vergessen zu finden. Goethe mußte von dieser auffälligen Reise gehört, Minchens Verschwinden ihn mit Sorge erfüllt haben. Denn im Juni schrieb er aus Karlsbad an Frau Frommann: »Hätten Sie, teure Freundin, in jener Stunde, als Sie uns Ihren lieben Brief zudachten und schrieben, empfinden können, wie nachrichtenbedürftig wir damals waren, so hätte Sie unser lebhaftester Dank für diese Wohltat schon im voraus belohnt. Besonders dankbar sind wir für die Versicherung, daß es unserem Minchen wohlgehe. Zwar konnte man voraussehen, daß ein so liebes Kind, das der Natur und Ihnen so viel verdankt, überall zum besten aufgenommen und lebhafte Freundschaft erwecken würde, doch ist es eine eigene Empfindung, wenn die Abwesenheit geliebter Personen uns verdrießlich fällt, so können wir uns sie und ihre Umgebungen, niemals ganz heiter vorstellen. Desto erfreulicher ist die ausdrückliche Versicherung Ihres Wohlbehagens. Mögen Sie meine besten Wünsche und Grüße zu ihr gelangen lassen.«
Minchen verlobte sich dann in Züllichau mit jenem Professor Pfund, den Zelter so warm Goethe empfohlen hatte … voreilig und unüberlegt, was auch wieder die Vermutung nahelegt, daß sie um jeden Preis vergessen wollte. Denn als der Verlobte sie Weihnachten 1812 aus Jena, wohin sie inzwischen zurückgekehrt war, zur Hochzeit abholen wollte, weigerte sie sich und löste die Verlobung kurzerhand auf, zum Entsetzen der Pflegeeltern, die dieser jähen Sinneswandlung verständnislos gegenüberstanden. Auch Goethe, für den die Adventtage von 1807 nun schon längst bloße Episode geworden waren, nachdem er in den »Wahlverwandtschaften« Ottilie, dem geliebten Kinde, die Züge Minchens gegeben hatte, war erschrocken, als er davon hörte; die Malerin Luise Seidler hielt ihn ja immer auf dem Laufenden über das, was sich in Jena ereignete. Noch am 25. September 1811 hatte er dieser geschrieben: »Sie sollen mir erzählen von sich, von den Freunden und von dem guten Minchen, von der ich so lange nichts gehört, und deren bevorstehende Wiedererscheinung mich angenehm überrascht.« Nun erfuhr er die plötzliche Entlobung. »Grüßen Sie Minchen,« schrieb er darauf an die Malerin, »ich habe immer geglaubt, dieses Geistchen gehöre einem treueren Element an. Doch soll man sich überhaupt hüten, mit der ganzen Sippschaft zu scherzen.« Hatte er sich tatsächlich innerlich schon so gelöst von ihr, sich das ganze Jenaer Erlebnis so sehr von der Seele gedichtet, daß er in dieser Weise scherzen konnte?
Von nun an ging der Weg des armen Minchens bergab, die Dämmerung, die der endlichen geistigen Umnachtung voraufging, begann ihr Haupt zu umschatten. Der völlig unmotivierte Bruch mit dem Professor Pfund, der sie auf Händen getragen hätte, war das erste Symptom; die Ehe, die sie dann neun Jahre später mit dem Jenaer Professor Walch, einem Juristen, einging und die ganz glücklos blieb, weil ihre zarte Seele nur widerwillig die eheliche Vereinigung ertrug, das zweite. Versuche eines Zusammenlebens scheiterten kläglich, machten sie gemütskrank, und lebten die »Gatten« getrennt, so machte sie sich wieder die schwersten Vorwürfe, bemitleidete den unglücklichen Mann, dessen Verhängnis sie war.