1853 starb Walch. Sie war erlöst. Aber nur erlöst, um für immer in Melancholie zu versinken. Denn die unheilvollen Dämonen, die schon das junge Mädchen so oft in unseligen Zwiespalt der Empfindungen gestürzt, sie wahrscheinlich nie zum vollen Genuß des Lebens hatten kommen lassen, nahmen nun ganz Besitz von ihr. Noch ein paar Jahre lebte die verwitwete Frau Rat Walch still und in sich gekehrt in den alten Stuben des Frommannschen Hauses dahin, von Verwandtenliebe treu gehütet, zuweilen ein wenig wunderlich und immer ein bißchen traurig und schwermütig, ohne daß sie zu sagen wußte: warum — wie als junges Ding, wo ihr Lieblingslied Goethes »Trost in Tränen« war. Gerne ging sie spazieren, am »Paradies« unten an der Saale und durch den Prinzessinnen-Garten hindurch zu den Friedhöfen oben am Philosophenweg. Sie nahm auch an Gesellschaftsabenden des Bruders teil, und Kuno Fischer hat die alte, jugendlich schlanke Dame auf einem solchen — es wurde Goethes »Tasso« vorgelesen! — noch unterhaltsam und lebendig gefunden. Dann aber verwirrte sich ihr Geist und fand sich nicht mehr zurecht in diesem Leben, und man mußte sie einer Anstalt für Nervenkranke in Görlitz anvertrauen. Dort ist Minchen Herzlieb am 10. Juli 1865, sechsundsiebzig Jahre alt, gestorben … einsam, fremd und abseits allem Leben. Sie hat niemand mehr gekannt, der endlichen Auflösung des erdenmüden Körpers war die des Geistes grauenhaft voraufgeschritten.

Derweilen war sie als Ottilie längst in die Unsterblichkeit eingegangen. 1809 schon waren ja die »Wahlverwandtschaften« erschienen, und es will fast scheinen, als ob der Dichter dem lebendigen Menschenkind die Seele gestohlen hätte, um dem erlauchten Geschöpf seiner Phantasie das ewige Leben zu verleihen. Denn ungefähr von dieser Zeit an war der Weg der wirklichen Ottilie nur noch ein seelenloses Gleiten und Taumeln gewesen …

Zu Eckermann hat Goethe, der Greis, noch kurz vor seinem Tode gesagt, daß in den »Wahlverwandtschaften« kein Strich enthalten sei, der nicht erlebt, aber auch kein Strich so, wie er erlebt worden. Das gilt vor allen Dingen wohl von dem Erlebnis jenes »Advent von Achtzehnhundertsieben«. Gewiß, von der Seele geschrieben hat sich Goethe diese rätselhafte Liebesleidenschaft wohl, vergessen hat er sie nie. Immer wieder tauchte sie zu verschiedenen Perioden seines Lebens vor ihm auf, mahnend, anklagend, Rechenschaft heischend. So im Herbst 1815, als Goethe sich, unendlich leidend und trotz der heroischen Geste fast seelischem Tode nahe, von Marianne von Willemer losgerissen hatte. Da fuhren er und Sulpiz Boisserée zusammen von Karlsruhe nach Heidelberg. Alte Erinnerungen wachten in dem Dichter auf, und er erzählte. Auch auf die »Wahlverwandtschaften« kam er. »Die Sterne waren aufgegangen, er sprach von seinem Verhältnis zur Ottilie, wie er sie lieb gehabt und wie sie ihn unglücklich gemacht. Er wurde zuletzt fast rätselhaft ahndungsvoll in seinen Reden.«

So Boisserée in seinem Tagebuch. Auf ähnliche Äußerungen stößt man in den Annalen, als Goethe dort, von Erinnerung geleitet, die Jahre 1807 bis 1809 schildert, in die u. a. die poetische Entwicklung der »Wahlverwandtschaften« fällt. »›Pandora‹ sowohl als die ›Wahlverwandtschaften‹«, heißt es da 1807, »drücken das schmerzliche Gefühl der Entbehrung aus und konnten also nebeneinander gar wohl gedeihen.« Und unter dem Jahre 1809: »Um von poetischen Arbeiten nunmehr zu sprechen, so hatte ich von Ende Mai an die ›Wahlverwandtschaften‹, deren erste Konzeption mich schon längst beschäftigte, nicht wieder aus dem Sinn gelassen. Niemand verkennt an diesem Roman eine tief leidenschaftliche Wunde, die im Heilen sich zu schließen scheut, ein Herz, das zu genesen fürchtet.«

Ein seltsames Hin und Her von Stimmungen und Reflexionen. Und sind im Grunde doch nichts weiter als der alte Schmerz, der ihn einst, 1807, im später »Abschied« genannten Sonett die »jähe Trennung« von der Geliebten so wild anklagen ließ. Fritz Frommann meint in seinen Aufzeichnungen über Minchen Herzlieb: »Mögen auch Goethes Empfindungen für sie stärker gewesen sein als er sich merken ließ, so ist doch soviel gewiß, daß auch er nie an ihren Besitz gedacht hat, und daß diese Episode in seinem Leben mit der dichterischen Darstellung der Ottilie in den ›Wahlverwandtschaften‹ ihren völligen Abschluß gefunden, daß er sich damit von aller leidenschaftlichen Erregung befreit hat und ihm auch davon nur geblieben ist, ›das süße Erinnern, das Leben im tiefsten Innern‹.«

Das ist der Irrtum des Bürgers, der Rausch und Qual der Erinnerungen nicht kennt. Hervorgerufen vielleicht dadurch, daß Goethe und Minchen sich im Laufe der Jahre im Frommannschen Haus begegneten, ohne daß die Vergangenheit irgendwie neue Leiden schaffte. Die Fama will ja sogar wissen, daß Goethe stets »mit ungetrübten Eindrücken« von dort geschieden ist … Immerhin, wie sehr diese Begegnungen Maskerade waren, wie sehr Goethe bemüht war, Totes nicht wieder aufleben und Alltagsgeschwätz werden zu lassen, das zeigt die Behandlung der Jenaer Sonette in den Werken von 1815: »Epoche« und »Charade«, die verraten könnten, wer in ihnen gemeint, nimmt er nicht auf! Und über die andern breitet er durch die Anordnung Schleier. 1817 schickt er der einst Geliebten ein Exemplar der zehn caschierten Gedichte, zum Geburtstage. Die Widmung lautet:

An Fräulein Wilhelmine Herzlieb.

Wenn Kranz auf Kranz den Tag umwindet,
Sey dieses auch Ihr zugewandt;
Und wenn Sie hier Bekannte findet,
So hat Sie sich vielleicht erkannt.

Jena am 22. May 1817.