Goethe.

Das klingt kühl. Aber das »vielleicht« der letzten Zeile verrät doch die Aschenwärme alter Gluten, läßt Frage klingen, die auf Antwort hofft. Natürlich hat Minchen sich erkannt, sie, die in ihrer Schatulle die Urschrift des »Wachstum«-Sonetts als kostbarsten Besitz verwahrt und die einem Advent ohne Heiland, vielleicht, ihre Seele geopfert hat … natürlich, nur das Wissen darum fehlt. Kein Brief, kein Gespräch, keine Äußerung ist erhalten, keiner ist, der davon erzählt. Es ist furchtbar, wie dies frühe Liebesspiel in stummer Verschwiegenheit endet. Bald war es so, als hätten die zwei Menschen nie voneinander gewußt. Selbst als in den Goethe-Werken der Ausgabe letzter Hand endlich, volle zwanzig Jahre nach Entstehen, »Epoche« und »Charade« erscheinen, letzte Schleier fallen, findet das in Jena kein Echo. Auch er behält die Maske vor. »Eine seltsame Empfindung« nennt er's, als er Minchen um diese Zeit einmal flüchtig sieht, und spricht von ihrem »artigen und niedlichen Betragen«.

So kann Goethe schließlich sterben, ohne daß aus dem Frommannschen Hause, wo Minchen auch als Frau Professor Walch fast immer lebte, verzweifelter Schrei aus Frauenmund, nicht einmal leise Klage dringt. Und fragte die Greisin mit den dunklen, schwermutsvollen Augen später einmal jemand nach ihren Erinnerungen, so wurde sie scheu und wortkarg, als ob sie Totes gerne tot ließe …

Rätsel verschatten die Historie, und in himmlischer Klarheit leuchtet allein das Werk des Dichters. Es hat das bißchen Menschenleben in sich aufgesogen.


Herbsttage in Heidelberg

Auf der Terrasse hoch gewölbtem Bogen
War eine Zeit sein Kommen und sein Gehn …

Marianne von Willemer.