Denkt man an Goethe und Heidelberg, so klingen aus der Erinnerung zwei Frauennamen herauf. Lili und Marianne. Die diese Namen trugen, sie haben beide, nun von Legende längst in Sphären der Verklärung entrückt, das Herz des Dichters besessen … die eine, selbst im vollen Glanz der Jugend prunkend, das des Jünglings, der wild ins Leben stürmte, »der Wunder bang, von Sehnsucht süß bedrängt«; die andere, eine »Frau von dreißig Jahren«, das des Mannes, dem schon der Lebensabend nahte. Und Heidelberg war beidemal die Stätte, da die Entscheidung fiel: sie hieß im einen wie im andern Fall Entsagung.

Doch laufen Fäden auch vom Neckar nach der Ilm, und Unrecht wäre es, nicht auch Charlottens und Christianens zu gedenken, nach denen Sehnsucht des Freundes und des Gatten hier in Heidelberg auch oft genug gebangt …


Das war ein bunter Tag aus andern bunten Tagen, als Goethe zum erstenmal nach Heidelberg kam.

Denn er kam nicht allein.

Drei wilde Gesellen begleiteten den Dichter des »Werther«: die beiden Stolbergs, die Brüder jener Auguste, der Goethe die schönsten Briefe seiner heißen und verworrenen Jugend geschrieben hat, und ein Graf Haugwitz. In Sturm und Drang fegten sie durch das verstörte Land, das ihnen, Ort für Ort, entgeistert nachstarrte, und rissen Goethe mit. Den lockte mehr als ihre ungebärdige Art das Ziel der wilden Reise: die Schweiz. Aber immerhin — wie schön war's doch, der Fesseln ledig, die die zwiespältige Leidenschaft zu Lili Schönemann ihm auferlegt, durchs Land zu schweifen, im blauen Werther-Frack und Stulpenstiefeln, und wenn die Kameraden, aller Sitte spottend, den Philistern in Mannheim und Darmstadt lange Nasen drehten, so machte er nicht gerade ungern mit. »Wir vier,« heißt es in einem Briefe des älteren Stolberg an seine Schwester Katharina im fernen Dänemark, »sind bei Gott eine Gesellschaft, wie man sie von Peru bis Indostan umsonst suchen könnte.«

Diese Gesellschaft, die in Frau Ajas Haus in Frankfurt — man denke: diesem wohlfundierten Patrizierhaus — lärmend »nach Tyrannenblut gelechzt«, hatte die Mainstadt am 14. Mai 1775 verlassen. Merck in Darmstadt, ein besonnener Freund, hatte die vier Genies argwöhnisch betrachtet: »Daß du mit diesen Burschen ziehst,« hatte er zu Goethe, dem einzigen, der wirklich ein Genie war, gesagt, »ist ein dummer Streich, du wirst nicht lange bei ihnen bleiben. Deine unablenkbare Richtung ist, dem Wirklichen poetische Gestalt zu geben; die andern suchen das sogenannte Poetische, das Imaginative zu verwirklichen, und das gibt nichts als dummes Zeug.«

Bittere Worte! Deren Wahrheit und tiefen Sinn Goethe halb erkannte, halb verneinte und die er damals, selbstverständlich, in den Wind schlug. Aber als er, ein Menschenalter später, »Dichtung und Wahrheit« niederschrieb, hatte er ihre Schicksalskraft an Leib und Seele erfahren. Dort hat er sie denn auch verewigt.

Ja, es war ein bewegter Tag, der 16. Mai 1775, als die vier ungleich-gleichen Fahrtgesellen in das abendliche Heidelberg einzogen; die guten Heidelberger mögen nicht schlecht gestaunt haben, als dies Quartett singend und hüteschwenkend durch die stillen Straßen marschierte, Gestalten fast aus einer anderen Welt. »Nun gehen wir hin,« erzählte der immer schreiblustige Christian Stolberg der Schwester andern Tages, »das weltberühmte Heidelberger Faß zu sehen …« Natürlich! Da's nicht Tyrannenblut sein konnte, nahm man mit Neckarwein vorlieb, und wie in Mannheim trank man in lautem Rundgesang auf das Wohl der Geliebten und zerschlug nachher die Gläser … Und Goethe? »Liebe Lili, wenn ich dich nicht liebte!« tönte es wohl damals schon in seinem Herzen. Sehnsucht quälte den guten Jungen, trieb ihn nur zu oft aus dem lauten Lärm der Zechgenossen. Und da winkte denn am Markt ein stilles Haus, ärmlich anzusehen nur mit seinen zwei Fenstern Front und dem niedrigen Dach: das Haus der guten Demoiselle Delph winkte Trost und brachte Trost, so verstört der Kopf auch war, in dem Wein und Liebeszweifel gleich stark rumorten. War sie, eine Geschäftsfreundin des Schönemannschen Hauses, es doch gewesen, die seinerzeit die Hände Lilis und Goethes »mit ihrem pathetisch gebieterischen Wesen« ineinander gelegt hatte! So mochte sie nun auch sehen, was sie angerichtet, mochte Gluten dämpfen, die sie selbst entfacht … Und so waren Ausklang dieses ersten flüchtigen Aufenthalts in Heidelberg Worte der Klage und Anklage, von der ältlichen Jungfer kopfschüttelnd angehört, derweilen die Freunde des Beichtenden oben im Burgkeller lärmten.