Aber der andere Tag schenkte schnell Vergessen, und über Karlsruhe, wo Klopstock besucht wurde und Goethe, sterngebunden, zum zweitenmal dem jungen Thronerben von Sachsen-Weimar begegnete, ging's nach der Schweiz zu Lavater.
»Liebwärts« blickte Goethe noch, als er, heimkehrend aus der Schweiz, Frankfurt liegen sah: wartete dort am Kornmarkt seiner doch Lili, die in so vielen Versen dieser Reise heißersehnte. Doch wenige Wochen später floh er, von seinem Dämon getrieben, die, um die er noch vor kurzem so gebangt. »Vergebens,« hatte er am 3. August dieses schicksalsvollen Jahres an Auguste von Stolberg geschrieben, »daß ich drei Monate in freier Luft herumfuhr, tausend neue Gegenstände in alle Sinnen sog … ich sitze wieder in Offenbach, so vereinfacht wie ein Kind, so beschränkt als ein Papagei auf der Stange … alles wirrt sich in einen Schlangenknoten.« Da blieb nichts übrig als Bruch und Flucht.
Dazu jagten sich andere Ereignisse. Am 21. September, einen Tag nach der Entlobung, hatte ihn Carl August, jetzt Herzog geworden, durch Handschlag an sich gebunden: Weimar, fremd und unbekannt, wartete. Der 12. Oktober erneuerte die Einladung. Goethe, des herzoglichen Wagens harrend, der ihn nach Weimar bringen sollte, machte sich reisefertig. Aber der Wagen kam nicht. Spott des Vaters, eigene Scham, dazu das qualvolle Gefühl, Lili, die immer noch im stillen Geliebte, sich verscherzt zu haben, trieben ihn, bei Nacht und Nebel, aus der Vaterstadt. Italien sollte Vergessen und Linderung bringen: »Lili, adieu Lili, zum zweitenmal!«
Und erste Zuflucht war wieder das stille Haus der guten Demoiselle Delph in Heidelberg.
Im Mai war Heidelberg an Goethe vorbeigeglitten wie ein Traum. Jetzt erlebte er es wirklich. Erlebte Herbsttage, die Gold und Trunkenheit über Stadt und Schloß schütteten. Die Berge ringsum brannten. Schon das Tagebuch, das er von nun an führte, war unterwegs, an der Bergstraße, bei »ominöser Überfüllung des Glases« begonnen worden; im Gasthaus in Weinheim hatte er, wie dasselbe Tagebuch berichtet, vor »Herbstbutten und Zuber« nicht den Weg zum Wirtszimmer finden können; nun geriet er in Heidelberg mitten in die Weinlese hinein. »Elsassische Gefühle« lebten in ihm auf.
Die Handelsjungfer Delph tat alles, den Bekümmerten zu zerstreuen. Tat's mit Erfolg. Sogar ein neuer Heiratsplan erwachte, neue Mädchenschönheit bedrängte das noch wunde Herz, das Lili vergessen wollte. Das Leben lächelte wieder.
Aber dann kam eine Nacht, der erste rauhe Wind rüttelte an den Fensterläden und in den Gärten raschelte das welke Laub, da war der alte Mißmut wieder rege geworden. Unfruchtbares Geschwätz mit der Delph hatte die schon halb begrabenen Zweifel aufgestört: nun quälte das Bild Lilis, quälte die eigentümliche Weimarer Geschichte, eine tolle Geschichte, wenn man sie recht betrachtete, den einsamen Schläfer. Leise ächzte er im Traum.