Da klang ein Posthorn in die Stille, jähes Klopfen brach das schlafende Haus auf. Türen klappten, Licht fuhr eilig hin und her. Und dann trat die Delph, notdürftig hergerichtet, in des Gastes Kammer, in der Hand einen versiegelten Brief: Stafette aus Frankfurt … der Geleitsmann des Herzogs, dort endlich eingetroffen, wartete … Weimar rief!
Und das Schicksal erfüllte sich: der nach Italien hatte wandern wollen, eine kranke Liebe im Herzen, er zog nach der bescheidenen Ilm, einer neuen Liebe entgegen, neuer Qual und neuem Rausch, weil es die Sterne so wollten. Die Sonnenpferdeworte aus dem »Egmont«, sicherlich der Delph, die warnte, nicht so spontan zugeschleudert, wie »Dichtung und Wahrheit« es erzählt, aber, als Goethe damals in der gleichen Nacht noch Heidelberg verließ, sicherlich dem Sinne nach so empfunden, gaben das Geleit. Und der Goethe, der später aus der Erinnerung diese ereignisschwere, geheimniserfüllte Nacht in »Dichtung und Wahrheit« schilderte, der formte gleichzeitig jene »orphischen Urworte«:
Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
An dem schmalen, unscheinbaren Hause der Demoiselle Delph aber findet der, der Augen für derartige Dinge hat, heute eine Tafel, die da meldet:
»Aus diesem Hause
seiner mütterlichen Freundin Dorothea Delph
reiste Goethe, der Einladung Carl Augusts folgend,
den 4. November 1775 nach Weimar.«
Die kleine Tafel gibt Kunde von dem wichtigsten Vorgang in Goethes ganzem Leben. Wie wäre das wohl verlaufen, wenn hier der »Zufall« anders gespielt hätte? Aber der Alltag treibt daran vorbei, und kaum einer steht einmal still und versucht, die ungeheuere Bedeutung dieser wortkargen Inschrift auch nur zu begreifen!
Und die Jahre stürzten. Die Ufer der Ilm wurden dem Fremdling Heimat. »Gott im Himmel, was ist Weimar für ein Paradies!« jubelte Goethe aus Mannheim Charlotte von Stein zu, als er im Dezember 1779 von der zweiten Schweizer Reise zurückkehrte, die er mit dem herzoglichen Freund zusammen unternommen. Sie hatte ihn auch flüchtig zu Beginn nach Heidelberg geführt, und nachdenklich war der nun Dreißigjährige durch die Gassen geschlendert, die er vor vier Jahren verlassen hatte, um ins Ungewisse zu pilgern.
Wie hatte sich seitdem die Welt verändert!
Nicht die Welt Heidelbergs; die war, mit Schloßruine und abendlich beglänztem Fluß, mit ihrer alten Giebel Flucht und Herbsteshauch, die selbe geblieben; aber seine Welt war eine andere geworden. Lilis Bild, einst süße Qual, hatte das neue Charlottens verdrängt: ruhig hatte er die frühere Geliebte, jetzt Frau von Türkheim und glückliche Mutter, in Straßburg sehen und sprechen können. Auch Friederike hatte er in Sesenheim besucht, und sein Herz war unbewegt geblieben: »Da ich iezt so rein und still bin wie die Luft, so ist mir der Athem guter und stiller Menschen sehr willkommen,« hatte er Frau von Stein geschrieben …