Der Jüngling war eben zum Mann geworden, der »in Friede mit den Geistern« seiner Jugend lebte.

Noch einmal hatte Heidelberg ihm nun die Erinnerung dieser dumpfen Jugendtage geschenkt, das bröckelnde Schloß ihm von den Gesellen erzählt, mit denen er hier einst in seliger Torheit kraftgenialisch gelärmt, das kleine Haus der Demoiselle Delph ihn an die Nacht gemahnt, da ihn das Posthorn aus Schlaf und wirrem Traum gejagt … Es war einmal! Das ist in unsichtbaren Lettern auch unter jener Zeichnung des gesprengten Turms vom 23. September 1779 zu lesen, die ihn nun nach Weimar begleitete — einziges Zeichen dieses Aufenthalts in Heidelberg von 1779, das wir besitzen.

Und der es in versonnener Stunde angefertigt, der war nicht mehr der wilde Dichter des »Götz« und des »Werther«, sondern der Geheimrat Goethe, rechte Hand und Ein und Alles Carl Augusts. Denn am 6. September dieses Jahres hatte der Herzog wider allen Brauch und Sitte dem baß Verwunderten und drob von den Schranzen in Weimar nur noch mehr Beneideten und Gehaßten den »Geheimdenraths Titel« gegeben.


Goethe an Christiane aus Heilbronn am 28. August 1797: »Den 26., an einem außerordentlich klaren und schönen Tag, blieb ich in Heidelberg und erfreute mich an der schönen Lage der Stadt, die am Neckar zwischen Felsen, aber gerade an dem Puncte liegt, wo das Thal aufhört und die großen fruchtbaren Ebenen von der Pfalz angehen.«

Goethe an Christiane … ja, in den achtzehn Jahren, die seit der zweiten Schweizer Reise ins Land gegangen waren, hatte sich das Leben des Dichters wunderlich genug gestaltet. Vieles war längst wieder zu Traum und Vergangenheit geworden, was einst beglückende und quälende Wirklichkeit, sonnenreiches Heute gewesen. Wo war Charlotte von Stein, die gütige, die liebevolle Gefährtin in so manchen Wirrnissen? Vergessen? Nein, das nicht. Aber fremd und kalt geworden. Sie hatte es nicht ertragen können, daß eine Christiane Vulpius an ihre Stelle trat, als Goethe 1788 verjüngt, ein neuer Mensch mit neuen Ansichten und Sehnsüchten, aus Italien nach Weimar heimkehrte, und hatte sich grollend zurückgezogen. Dann war zwar wieder aus der Mißgunst, die neidisch das friedliche Glück am Frauenplan beschielte und behechelte, eine blasse Freundschaft geworden … der kleine August, Christianens Sohn, hatte den Weg zum Herzen der Verbitterten gefunden. Aber die alte Liebe blieb gestorben: Christiane, so wenig sie, ein bescheidenes Naturkind aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, auch geistig mit Charlotte wetteifern konnte, war in menschlicher Hinsicht die Nachfolgerin »Lidas«. Und diese lebte eigentlich nur noch als Iphigenie und Eleonore in Goethes ewigen Dichtungen. Sonst war sie eine Tote, das Haus an der Ackerwand eine Gruft.

An wen also sollte Goethe schreiben, wenn er auf Reisen war und die Begebenheiten des Tages vertrauten Herzen erzählen wollte? An Christiane, die Frau. Denn wenn Christiane dies vor der Welt auch nicht war, erst 1806 wurde, für Goethe selbst war sie schon längst nicht mehr das »arme Geschöpf«, dem er Empfindungen gönnte, sondern die Frau, die Mutter seines Sohnes, die er mit voller Inbrunst liebte.

Aus diesem ruhigen Familienleben heraus hatte er, alter Sehnsucht folgend, eine neue Schweizer Reise vorbereitet, eine dritte, und vielleicht sollte sie gar, zum großen Kummer Christianens, nach Italien führen. Am 7. Juli 1797 meldete er dem Freunde Heinrich Meyer nach Stäfa am Züricher See, er würde bald »so los und ledig als jemals« sein. »Ich gehe sodann nach Frankfurt mit den Meinigen, um sie meiner Mutter vorzustellen, und nach einem kurzen Aufenthalt sende ich jene zurück und komme, Sie am schönen See zu finden …«

Und so geschah's.

Frau und Kind wurden der stolzen und gerührten Großmutter gezeigt, zwei Tage später wieder nach Hause geschickt, nach kurzen Wochen verließ auch Goethe Frankfurt, um über Stuttgart und Tübingen nach Zürich zu reisen. Und auf dieser Reise kam er auch, zum viertenmal in seinem Leben, nach Heidelberg.