Herbsttage? Nicht ganz. Mehr ein feierlicher, milder Nachsommer, ein sattes Lächeln. Aber herbstlich waren die Gedanken, die Goethe bewegten, herbstliche Reife atmeten die Briefe, die Christiane und die Freunde erhielten.
Noch wohnte die »mütterliche Freundin«, die Beraterin seiner Jugend, in dem kleinen Haus am Markt neben der Hofapotheke, alt geworden, aber nicht weniger unterhaltsam. Und noch einmal stand wohl tote Zeit auf, da er sie besuchte. Aber im übrigen hatte er vergessen und wollte auch nicht erinnert sein. Sein Auge, das in den verflossenen Jahren so vieles gesehen, sah jetzt das Leben anders an, kühl, ruhig, leidenschaftslos, von der hohen Warte des in Stürmen und Kämpfen gereiften Mannes, des Dichters, den eine Welt bewunderte und beneidete, des Sammlers vor allem, der reiste, um seine Akten und Schränke zu bereichern. Was sollte ihm da das Gestern?
»Ich ging in die Stadt zurück, eine Freundin zu besuchen, und sodann zum Obertor hinaus,« heißt es über Heidelberg in der »Reise in die Schweiz 1797«, die Goethe 1823 mit Eckermann aus Tagebuchnotizen und alten Manuskripten zusammengestellt hat. Oder: »Ich ging in Erinnerung früherer Zeiten über die schöne Brücke und am rechten Ufer des Neckars hinauf …« Die ganze übrige Schilderung dieses Aufenthalts in Heidelberg spiegelt restlos neue Empfindungen, und dies in der klugen, etwas steifen Prosa, die Goethe im Alter liebte, die aber bei aller äußeren Kühle von innerer Glut durchleuchtet und dichterisch beschwingt ist: ein Monument der Stadt von ergreifender Gewalt.
Und doch — war Goethe nicht immer der sinnlich erlebende, auch Totes immer wieder freudvoll und leidvoll nacherlebende Mensch? Er war es wohl auch damals. »Gegen Abend ging ich mit Demoiselle Delph,« so schließt die Schilderung, »nach der Plaine zu, erst an den Weinbergen hin, dann auf die große Chaussee herunter, bis dahin, wo man Rohrbach sehen kann …« Ein Abendspaziergang, und aus der Neckarniederung stiegen die Nebel. Der Äther schwamm in Gold. Da mag auch ihn, den von der Heimat Gelösten, weichere Erinnerung befallen, die neben ihm Schreitende mit mancherlei Gespräch versunkene Zeit heraufbeschworen, Sehnsucht nach Frau und Kind ihm das Herz umschattet haben.
Aber davon wissen wir nichts. Wir wissen nur, daß diese ganze Schweizer Reise nicht die Hoffnungen erfüllte, die Goethe auf sie gesetzt hatte und daß er sie vorzeitig abbrach. Er erhielt nicht Christianens, Christiane nicht seine Briefe. Das Band mit zuhause war zerrissen, und das ertrug er nicht. »Ich kann aber auch wohl sagen,« schreibt der Heimkehrende aus Tübingen am 30. Oktober nach Weimar an Christiane, »daß ich nur um Deinet- und des Kleinen willen zurückgehe. Ihr allein bedürft meiner, die übrige Welt kann mich entbehren.«
Die übrige Welt hätte diese Ansicht schwerlich geteilt. Nicht 1797, da auch schon genug vorging, was ihr Interesse hätte von Kunst und Literatur abziehen können, und nicht später, da sie ganz aus den Fugen ging. Oder da, wie eben dieser Goethe selbst die wilden Geschehnisse der Zeit von 1806 bis 1814 im Spiegel weniger Verse auffing, Nord und West und Süd zersplitterten, Throne barsten, Reiche zitterten … denn über Zusammenbruch und Erhebung hinaus blickte sie in immer gleicher Ehrfurcht nach Weimar, wo in stiller Zurückgezogenheit ihr größter Dichter als »Statthalter der Poesie auf Erden« residierte.
Aber gerade in dieser stillen Zurückgezogenheit, die mancher Teilnahmlosigkeit schalt und die in Wahrheit doch, wie des »Epimenides Erwachen« bewies, leidenschaftliches Miterleben war, bereitete sich 1814 neue Wandlung vor. Östlicher Hauch war aus dem fernen Persien in die Stuben am Frauenplan gedrungen, der Mund, der solange Genüge daran gefunden, in klassischem Versmaß zu sprechen, versuchte sich in Hafisliedern, die von Wein und Liebe und duftenden Wundernächten erzählten; und gegen die erhabenen Schatten der Antike, die seit der italienischen Reise allein die Gefühls- und Geschmackswelt Goethes bevölkerten, rückte gleichzeitig die farbenfrohe Kunst des deutschen Mittelalters an … sie siegte nicht, nein, dazu hing der »Heide« Goethe in zu tiefer Liebe an den verlorenen Göttern jener untergegangenen Welt. Aber sie behauptete sich daneben, aufs neue stiegen aus der fernen Jugend die Türme des Straßburger Münsters auf, und der Torso des Kölner Domes ließ gotische Musik in die schwülen Bülbül-Melodien des nun entstehenden west-östlichen Diwans hineinklingen. West-östlich wahrhaft wurde das Klima, das Goethes Leben und Dichten in diesen Jahren lyrischer Wiedergeburt umduftete. Sie stehen unter dem Zeichen: Heidelberg und Marianne.
Denn wieder war es, wie schon früher oft Wendepunkt und Lebensstation, die Neckarstadt, die, selber ewig jung, Blut und Seele des Altgewordenen verjüngte, gelassen das »Stirb und Werde!« sprach, nach dem die »wiederholte Pubertät« Goethes verlangte.