Dort wohnten seit 1810, wo sie von Köln nach Heidelberg übergesiedelt waren, die Brüder Boisserée: Sulpiz und Melchior, die, beide fromme Katholiken und leidenschaftliche Liebhaber der alten deutschen und niederländischen Malerei, eine wundervolle Gemäldesammlung besaßen. Dieser toten Welt die Neigung Goethes zu gewinnen, der ihnen als Heros galt, in Goethe, dem gefeierten Dichter, einen Anwalt zu finden auch für ihre Bestrebungen, den verfallenden Dom der Vaterstadt neu aufzubauen und zu vollenden, betrachteten sie als Lebensaufgabe. Und es gelang ihnen. Der erst und lange Ablehnende gab endlich nach, und als ihn Not des Leibes im Spätsommer 1814 zur Kur nach Wiesbaden führte, besuchte er die neuen Freunde in Heidelberg. Die wenigen Tage, die er dort vom 24. September bis zum 9. Oktober 1814 verlebt, wundervolle Herbsttage, die rotes Gold um Schloß und Stadt häuften, gewannen ihn ganz. Derweilen draußen die ersten Blätter müde von den Bäumen fielen, schenkten ihm die Bilder im Boisseréeschen Hause, unermüdlich betrachtet, wie er später in der »Reise am Rhein, Main und Neckar« gestanden, »eine neue, ewige Jugend«. Schönste Begleitmusik dieser erlebnisreichen Tage aber sind die Briefe an Christiane. Sie spiegeln in rührender Treue und Einfalt die starken Empfindungen des Fünfundsechzigjährigen, der kränkelnd, wenn auch geistesfrisch, dem Zureden seiner besorgten Frau folgend, Weimar am 25. Juli verlassen hatte und nun in Wiesbaden auffällig rasch gesundete. So gründlich gesundete, daß er auch die Vaterstadt, wo inzwischen der Tod reiche Ernte gehalten hatte und nun schon die zweite Generation den seltenen Gast feierte, mit ganz neuen Augen ansah, mit ganz frischen Sinnen von neuem in ihrer vielfältigen Geselligkeit erlebte. Und wieder liebgewann.

Bis dann endlich ein Brief aus Heidelberg vom 28. September Christiane meldete: »Bei Boisserées fand ich das lieblichste Quartier, ein großes Zimmer neben der Gemäldesammlung. August (— denn August hatte ja von 1808 bis 1810 in Heidelberg studiert —) wird sich des Sickingischen Hauses erinnern auf dem großen Platze, dem Schloß gegenüber. Hinter welchem der Mond bald heraufkam und zu einem freundlichen Abendessen leuchtete.«

Und so weiter, Tag für Tag, Bilder beschauend, spazierengehend und auch Erinnerungen nicht ausweichend. Denn wenn er da der fernen Hausfrau erzählt, wie ihn an einem Oktobermorgen der schönste Sonnenschein früh aufs Schloß gelockt, wo er sich »in dem Labyrinth von Ruinen, Terrassen und Gartenanlagen ergötzte und die heiterste Gegend abermals zu bewundern Gelegenheit hatte«, so muß dem alten Herrn die Vergangenheit genaht sein, Vergangenheit »mit allen Rausch- und Tränengaben«, und aus den zerfließenden Herbstnebeln muß ihn, während rings die Kastanien fielen und herber Odem die alten Mauern umstrich, das Bild Lilis angelächelt haben …

Das Bild Lilis? Oder lächelte nicht vielleicht dem Verjüngten ein neues Frauenbild?

Wieder gibt ein Brief an Christiane Auskunft, am 8. August schon aus Wiesbaden abgesandt. Da heißt es, wenn auch wortkarg, unter anderem: »Schon vor einigen Tagen besuchte mich Willemer mit seiner kleinen Gefährtin.« Diese »kleine Gefährtin« nennt das Tagebuch vom 4. August. Es war »Dlle Jung«, Marianne mit Vornamen, ein Pflegetöchterchen des Geheimrats von Willemer aus Frankfurt, das jener bald darauf, der zweiten Witwerschaft müde, zu seiner Frau machte, und dieser Besuch in Wiesbaden war die erste Begegnung Goethes mit ihr.

O wunderliche Verknüpfung der Geschicke … Hatem hatte in Clemens Brentanos schwärmerisch gefeierter Biondetta seine Suleika gefunden.


Denn Goethe war Hatem geworden. Und blieb es treu, wenn auch nicht ganz so leidenschaftlich wie in jenen Tagen neu erwachender Liebe, sondern entsagungsvoll, bis zu seinem Lebensende. Als er von Weimar am 25. Juli 1814 in jenem »Fahrhäuschen«, das er in seinem Gedicht »Der neue Kopernikus« so anschaulich beschreibt, nach Wiesbaden reiste, war das erste Wort, das er in Eisenach in das geliebte Tagebuch eintrug, »Hafis«. Dieser Hafis hat ihn nicht mehr verlassen, bis er selbst ihn verließ, als nämlich der West-östliche Diwan vollendet war und in einem köstlich illuminierten Sonderdruck an Marianne-Suleika abging.

Dieser Tag der Vollendung aber lag damals noch fern; ihn herbeizuführen, hatte ihm das Schicksal eben jene Marianne von Willemer über den Weg geschickt, führte es den ganz in jugendliche Bewegung und lyrische Ekstase Zurückversetzten erst noch einmal an die Stätte so oft erprobten Heils: nach Heidelberg.