Das war ein Jahr darauf zu genau der gleichen Zeit.


Als Goethe sich im Herbst 1814 von Willemers, die sommers in der Frankfurt nahen Gerbermühle unweit Oberrad am Main wohnten, verabschiedete, hatte er der anmutigen Frau des Freundes sein Stammbuch dagelassen. Sie schickte es ihm nach Weimar mit den berühmten Versen: »Zu den Kleinen zähl' ich mich« … Versen, die dann kühn gestehen:

»Als den Größten nennt man dich,
Als den Besten ehrt man dich,
Sieht man dich, muß man dich lieben …«

Diese Verse, im Tone noch halb schalkhaft, sind das erste Bekenntnis ihrer Neigung. Daß diese bald zu Liebe und mit Liebe beantwortet wurde, das klingt und singt der ganze Diwan, der nun in raschem Fluß entstand: die dreißigjährige Frau, die sich den vollen Liebreiz der Jugend bewahrt hatte, hatte das Herz des Dichters gewonnen.

So gab, als Goethe ein Jahr später — Christiane, die kränklich geworden war, weilte zur Kur in Karlsbad — sich zu einer neuen Rheinreise anschickte, Sehnsucht nach Marianne wundersam Geleit … nicht zehrende Sehnsucht, wie sie in früheren Jahren ihn gequält, nein, eine frohe, die gleicher Gefühle bei der Geliebten gewiß war.

Heidelberg. Der Schloßaltan.

Am 24. Mai schon verließ Goethe diesmal Weimar. Wiesbaden war wieder notgedrungen die Zwischenstation. Frankfurt und Gerbermühle, wo er »freundlichst empfangen« wurde, schlossen sich Mitte August an. Und dann kam Heidelberg.

Wieder wohnte Goethe bei den Boisserées — die Delph war schon 1800 aus Heidelberg fortgezogen. Wieder blaute ein Herbst über Berg und Tal, wie ihn so schön nur Träume sehen: Rauschgold bestreute alle Wege, in den Gärten dufteten die späten Blumen, an den Spalieren reiften die Trauben, und die Mauern des alten Schlosses brannten in den Sonnestunden in verhaltener Glut. Köstlich war es, auf Altan und Terrasse zu wandeln, mittags auf schattenfreier Bank zu rasten oder nachts, wenn der Mond die nahen Zinnen, die Giebel der schlafenden Stadt, die Neckarniederung mit blassem Silberlicht beträufelte, ins Land zu sehen … köstlich vor allem, weil Marianne, Gefährtin und Geliebte, bald diese Stunden teilte, sie adelte, ihnen Duft und sinnlichen Zauber gab.