Schon Frankfurt hatte den Zwiegesang von Hatem und Suleika begonnen, — das Buch »Suleika« im Diwan tönt ihn wider, anhebend mit den Worten: »Nicht Gelegenheit macht Diebe …« Es ist das erste der Wechsellieder, niedergeschrieben, als Goethe am 12. September in Willemers Stadthaus »Zum roten Männchen« weilte. Heidelberg, wo Marianne mit Mann und Stieftochter am 23. September eintraf, sehnsüchtig erwartet, wie sie selbst sehnsüchtig nach Goethe verlangte, steigert nun Frage und Antwort der Liebenden zu betörender Süßigkeit. Auch die Frau wird zur Dichterin, deren Verse Goethe durch Aufnahme in den Diwan als den seinen ebenbürtig erachtet … Lieder wie das sehnsuchtsvolle »An den Ostwind« oder das ganz vom Schmerz des Abschieds verklärte »Ach, um deine feuchten Schwingen …«

Das Tagebuch des Dichters, sonst so einsilbig und sachlich, schwärmt, wiederholt immer wieder: »Herrlicher Morgen … Herrlichster Morgen … Vollkommenster Tag.« Noch mehr verraten die Gedichte, die Tag für Tag entstehen, wie Tag für Tag — es waren ja nur wenige, denn der 26. September schon brachte die »Abreise der Freunde« — die Kleinigkeiten, die nur Liebenden gemein und offenbar, dazu Anlaß geben … ob sie im Vollmond nun zusammen an der Altanbrüstung des Schlosses lehnten und sich gelobten, in der nächsten Vollmondnacht einander im Geiste nah zu sein; ob Goethe-Hatem »an des luft'gen Brunnens Rand« die Chiffre Suleikas in morgenländischen Lettern in den Sand zeichnete; ob sie im Schloßgarten den geheimnisvollen Gingo-Biloba-Baum wiederfanden, denselben Baum, von dem Goethe ein Blatt als Sinnbild der Freundschaft nach der Gerbermühle geschickt hatte; oder ob sie traumversunken lauschten, wie von denselben Bäumen ringsum die reifen Früchte auf den Boden klopften: alles wurde zum Lied.

»Du beschämst wie Morgenröthe«, preist der Dichter die geliebte Frau, »jener Gipfel ernste Wand, und noch einmal fühlet Goethe Frühlingshauch und Sonnenbrand.«

Und sie antwortet, selig hingegeben:

»Nimmer will ich dich verlieren!
Liebe gibt der Liebe Kraft.
Magst du meine Jugend zieren
Mit gewalt'ger Leidenschaft.
Ach! wie schmeichelt's meinem Triebe,
Wenn man meinen Dichter preist:
Denn das Leben ist die Liebe,
Und des Lebens Leben Geist.«

VAN EYCK. MARIA IN DER KIRCHE

Aber jedem Traum folgt ein Erwachen. Auch dieser Herbsttraum, dem eine gütige Sonne so wundervollen »Frühlingshauch« gegeben, verflog. Wind lief über die Chiffre Suleikas im Sande und verwischte sie; Wind nahm dem Gingo-Biloba die Blätter; Wind trieb Wolken über den Mond, der dem Liebesflüstern von Hatem und Suleika geleuchtet. Wind verwehte auch den Kuß, den Goethe bei der letzten Zusammenkunft der jungen Frau auf Stirn und Mund gehaucht. Beide haben sich nie wieder gesehen. Der Traum war aus. Nur Briefe trugen noch in unschuldiger Geheimschrift verdeckte Schmeichellaute hin und her zwischen Weimar und Frankfurt … viele, viele Briefe, erst Goethes Tod im Jahre 1832 ließ sie aufhören. Oft klingt der Name Heidelberg in ihnen auf. Denn immer, führten Reisen Marianne dorthin, meldete sie dem fernen Freunde es, beglückt noch durch die Erinnerung, die sie mit Schloß und Stadt verband, eine »andächtige Pilgerin«, die, wie sie 1831 an Goethe schreibt, die durch Freud und Leid geweihten Orte alle besucht und ein Blatt von der bekannten Gingo-Biloba zu sich gesteckt hat. Diese Briefe heiligen die Liebe Goethes zu Marianne, eine Liebe, die entsagte, ohne je genossen zu haben, in alle Ewigkeit.


»Blieb zu Hause,« heißt es in Goethes Tagebuch am 26. September 1815. Und dahinter steht: »van Eyk«. Die Bilder der Freunde boten also ersten Trost. Hielt er vor? Nicht recht. Andere Zerstreuung brachten die Ankunft Carl Augusts, ein Ausflug mit diesem nach Mannheim, eine kurze Reise mit Sulpiz Boisserée nach Karlsruhe. Aber schon am 6. Oktober erzählt dieser besorgt von Goethe: »Er ist sehr angegriffen, hat nicht gut geschlafen, muß flüchten.« Es ist der 6. Oktober, an dem Goethe den aufklärenden Abschiedsbrief an Willemer geschrieben: »… und ich eile über Würzburg nach Hause, ganz allein dadurch beruhigt, daß ich, ohne Willkür und Widerstreben, den vorgezeichneten Weg wandle und um desto reiner meine Sehnsucht nach denen richten kann, die ich verlasse.«