Den Weimar-Pilger führt der Weg über Jena nach Dornburg. Nicht dem brausenden D-Zug erschließt sich diese ganze stille Welt, nur dem gemächlichen Wanderschritt.
Schon die Stadt an der Ilm hat mit ihren weihevollen Erinnerungen süße Ruhe über das Herz gebreitet. Nun ist man auf ein Weilchen in Jena untergetaucht. In die engen Gassen, die winkligen Plätze schicken die grünen Berge ringsum Waldesduft und köstliche Frische. Aber unablässig spricht die Vergangenheit in alles Gegenwärtige hinein, die schmucklosen grauen Häuser der Altstadt mit ihren verwunschenen Höfen und Gärten atmen den Hauch einer toten Zeit aus, und man braucht nicht erst auf die abgelegenen Friedhöfe hinter dem Botanischen Garten zu gehen, um den Schatten der Goethe- und Schillerzeit zu begegnen und sich in die Tage der Romantiker zu verlieren. Man wird auch so auf Schritt und Tritt daran gemahnt. Und verwundert steht man vor den jetzt fast armselig anmutenden Stätten, von denen aus einst deutscher Geist die Welt umspannte und in deren weltverlorener Heimlichkeit die großen Dichtungen entstanden, die noch jetzt unserem ganzen Schrifttum Ziel und Richtung geben. Wie für uns, so war auch für Goethe fast immer Jena Station, wenn er nach Dornburg fuhr, der alten »Felsenburg«, wie er es in einem späten Brief an Knebel nennt. Bei diesem, der am »Paradies« an der Saale ein »paradiesisches Heim« hatte, wohnte er dann meist. »In Jena, in Knebels alter Stube, bin ich immer ein glücklicher Mensch, weil ich keinem Raum auf dieser Erde so viele produktive Momente verdanke!« schreibt er 1802 an Schiller.
Stillste Augenblicke schenkt der Prinzessinnen-Garten, der sich in Terrassen oberhalb des Botanischen Gartens hinzieht. Die Einsamkeit häkelt hier fast gespenstisch um Strauch und Baum, verhaltene Melancholie weint um das kleine gelbe Schloß mit den verschlossenen Türen und Fensterläden. Nirgends aber spürt man den Bann der alten krausen Stadt so tief wie hier, wo sie einem zu Füßen liegt. Wie ein leichter Nebel schweben da die Erinnerungen über ihren Dächern und Türmen, und was einst lebenslustig und versonnen in ihren Gassen dahin trieb, wird nun dem träumenden Auge zu einem geisterhaften Schattenspiel der Lüfte, zu einem wunderlichen Schemenreigen, in dem der ernste Goethe der verführerischen Caroline Schlegel die Hand reicht und die heißblütige Sophie Mereau dem jungen Clemens Brentano erste Liebesblicke sendet, in dem Schiller und Tieck seltsame Partner sind und der greise Wieland Lotte von Schiller gewagte Dinge ins Ohr flüstert.
Ein Schattenspiel … wie das ganze Jena trotz Zeiß, Haeckel und Diederichs etwas Schattenhaftes hat. Man fühlt sich tief in tote Zeit verstrickt. Und erst, wenn die Saalewiesen schimmern, der Kranz der hohen Berge sich zu freier Landschaft öffnet, unter Brücken der unbehinderte Fluß rauscht, fällt der Bann der alten Mauern wieder von einem ab. Und so wandert man auf Dornburg zu, gesegnet, vorbereitet durch das Erlebnis Jena, das leise in grünen Tälern versinkt.
Auch in Dornburg schläft Geschichte. Das alte Schloß, ein wuchtiger Bau aus grauer Vorzeit, der wie ein Bild von Hoffmann von Fallersleben anmutet, steigt aus uraltem Wald. Steinstufen führen durch eine romantische Schlucht aus dem Tal, aus dem roten Dächergewirr des Dorfes hinauf. Oben braust der Wind. Am Abhang ziehen sich morsche Terrassen hin, über die im Sommer Flieder und Rosen hängen, im Herbst die blauen Weintrauben. Um winzige Fenster und Mauerlöcher rankt wild der Efeu. Der Blick klettert staunend an Mauern empor, die für die Ewigkeit gefügt erscheinen. Jahrhunderte haben daran gebaut. Die Sage erzählt, daß Heinrich der Vogeler die Burg als Grenzfeste gegen Sorbenhorden errichtet hat. Möglich! In der Tat reichen Bauteile, so die Fundamente des Turmes und eine Küchenesse, bis ins 11. Jahrhundert zurück. Noch jetzt ist das Schloß ganz malerisches Mittelalter, und die modernen Menschen, die nun drin hausen, die es vom weimarischen Staate irgendwie gepachtet haben und bevorzugten Fremden im Sommer Pension gewähren, nehmen sich seltsam genug in dieser zeitfernen Umgebung aus. Die Stürme jedenfalls, die im Bauernkriege an die ungefügen Mauern brandeten, sind längst verweht, die Turmglocke, die einstmals gegen wilde Kroatenhorden wimmerte, schläft, und in dem Hofe, wo vor vielen hundert Jahren die Sachsenkaiser Land- und Reichstage abhielten, stolzieren nun gravitätisch die Hühner umher. Der Frieden wohnt hier jetzt. Und in der zerbrochenen Laterne auf dem einen Torpfeiler wächst wilder Wein. Schlaf hält das alte Schloß gefangen.
Die drei Schlösser Dornburg über dem Dorfe Naschhausen
Ein paar Schritte weiter tut sich eine andere Welt auf. Mittelalter wird zu Rokoko. Aus Rosenhecken wächst ein kleines Sanssouci. »Schlößchen Dornburg« nennt es Goethe in seinen Briefen. Hier wohnten die »Herrschaften«, wenn sie in Dornburg waren, das 1672 an die weimarische Linie der sächsischen Herzöge gefallen war, und höfische Luft schwingt noch jetzt um den zierlichen Bau, den Garten und die Terrassen. Der Herzog Ernst August, der Großvater Carl Augusts, hat das Schloß um 1740 herum von dem Italiener Struzzi erbauen lassen. Mit seiner gelblich getönten Verputzung, den hellen Fensterumrahmungen, den vielen Ballons, dem schöngeschweiften Kuppeldach wirkt es neben dem finsteren, nur auf Schutz und Trutz berechneten Gemäuer des alten Baus doppelt leicht und graziös. Der Duft galanter Feste weht hier, und die Phantasie ist nur zu gern bereit, die reizenden Säle, die schönen Vorplätze, den Garten mit seinen Hecken und verschlungenen Wegen, den wundervollen Altan, das »Fünfeck« Goethes, mit Reifrockdamen und bezopften Herren zu bevölkern … das »Rosenfest« pflegte der weimarische Hof hier ja alljährlich zu feiern, und noch zu Goethes Zeiten siedelte die zarte, blasse Großherzogin Luise jedes Jahr für einige Zeit mit ihrem ganzen Hofstaat nach Dornburg über.