Jetzt steht das kleine Lustschloß auch längst verwaist, die Zimmer sind mit kostbaren Erinnerungen aller Art und Zeiten überladen, das Ganze ist, wie so viele andere unbenutzte Schlösser, ein Museum geworden, und über das gleißende Parkett, über das einstmals die Stöckelschuhe trippelten und die seidenen Schleppen rauschten, schlürft nun nur noch gelegentlich in Filzpantoffeln der Fremde, der eine abgelebte Zeit aus toten Dingen beschwören will.

Und wieder ein paar Schritte ab das dritte Schloss, das »Goethe-Schloß«. Ein ernster Bau in deutscher Renaissance. Mit drei barocken Giebeln schaut es weithin ins Tal, die schweren, braunen Mauern wuchten unmittelbar aus dem steil abfallenden Felsen herauf, kein Weg führt, wie doch bei den anderen beiden Schlössern, am Abgrund hin, nur die Weinreben ranken ein wenig aus der schwindelnden Tiefe. Ursprünglich wohl ein Kloster, wurde es dann ein Freigut, das nach seinem letzten Besitzer allgemein das »Strohmannsche Freigut« genannt wurde und noch genannt wird. 1824 erst wurde es von Carl August käuflich erworben, der auf Goethes Anraten hin sofort die schmale beschwerliche Wendeltreppe, die in einem erkerartigen Turm der Hinterfront zu den beiden Geschossen führt, sperren und dafür eine schöne, bequeme Freitreppe einbauen ließ. Breite, weitläufige Treppen waren ja von jeher eine Leidenschaft Goethes — man denke nur an die prachtvolle Treppe, durch die er, auch nachträglich, seinem Haus am Frauenplan den palaisartigen Charakter gab.

Das sind die drei Schlösser, die unter dem Namen Dornburg nun zu einem Begriff verschmolzen sind. Kühn und unvermittelt hängen sie, Wind und Wetter zum Trotz, über dem schroffen Abgrund, weithin das Saaletal beherrschend, in ihren Fenstern spiegeln sich die Wolken, um ihre Zinnen fliegen die Vögel. Sie sind in Gärten gebettet, die man vom Tale aus nur ahnen kann, in weiche, grüne Gärten, die im Frühling, wenn der Flieder blüht, ein einziges violettes Meer sind. In Kaskaden schäumt dann der Blütenüberschwang über die Terrassen, die den Abgrund säumen. Und die ganze Nacht singen hier die Nachtigallen.

Hinter den Gärten, durch schöne schmiedeeiserne Barockgitter und niedrige »Kavalierhäuser« von ihnen getrennt, liegt die Stadt Dornburg. Die Stadt? Ein Städtchen, zierlich und kurios wie aus einer Spielzeugschachtel, und auch so sauber und adrett. Da gibt es einen weiten Marktplatz mit Linden und einem Ententeich und einem Rathaus, das ein spitzes Türmchen krönt. Einen Ratskeller, eine Kirche und eine Apotheke, die noch vor kurzem eine »Hofapotheke« war … Auch ein Kammergut ist da. Und kommt man vom Dorfe herauf durch den Wald, der das alte Schloß umrauscht, so gelangt man in die »Stadt« durch den Wirtschaftshof eben dieses Kammerguts, von Schweinen angegrunzt, von Gänsen angefaucht, von Hühnern umgackert, von Hunden bekläfft, und ist um so verdutzter, dann diese reizende Duodezausgabe einer kleinen Residenz zu finden.

Immer aber rauscht im Tal die Saale. Ein breites Silberband, schlängelt sie sich durch Weidengebüsch und Wiesen, sanfte Berge begrenzen das Paradies. Eine breite Steinbrücke führt über den Fluß zum Dorf Naschhausen, zum »Blauen Schild«, wo man Forellen ißt. So war es immer schon, so wird es bleiben.

Und noch einmal: nicht dem brausenden D-Zug erschließt sich diese stille, träumende Welt, nur dem gemächlichen Wanderschritt.


Am 14. Juni 1828 war Carl August auf der Rückreise von Berlin, wohin der seit Jahren Kränkliche gegen den Rat der Ärzte im Mai gefahren war, um seinen ersten Urenkel, den späteren Prinzen Friedrich Karl von Preußen, zu sehen, in Graditz bei Torgau rasch und unvermutet gestorben. Goethe empfing die Trauerkunde bereits am Mittag des 15. Juni — wie das Tagebuch verzeichnet, hatte er gerade Gäste bei sich, »die Tyroler sangen bey Tische«, und »die Nachricht von dem Tode des Großherzogs störte das Fest«.

Lakonischer konnte die Aufzeichnung unmöglich lauten.