Und doch hat ihn die Nachricht, die ihm sein Sohn schonend beibrachte, aufs tiefste erschüttert, wie tief, das deuten ein paar weitere Worte des Tagebuchs vom gleichen Tage an: »Gar manches andere im traurigen Bezug«, und klarer noch geht es hervor aus der schmerzlich bewegten Schilderung Eckermanns, der ihn am Abend noch einmal sprach. »Er schien zu fühlen,« erzählt Eckermann in den Gesprächen, »daß in sein Dasein eine unersetzliche Lücke gerissen worden. Allen Trost lehnt er ab und wollte von dergleichen nichts wissen.« Wie immer in solchen Fällen, verlangte seine Seele schnell nach Einsamkeit; fern dem lauten und letzten Endes doch immer gefühllosen Treiben der Welt, in der Stille der Natur, so wußte er, würde er am ehesten das so schwer gestörte seelische Gleichgewicht wiederfinden.

Und er fand es in der Einsamkeit von Schloß Dornburg. Wohl mußte er erst noch furchtbare Tage in Weimar über sich ergehen lassen, notwendige Besprechungen aller Art, die Vorbereitungen für die Trauerfeier und die Beisetzung, Kondolenzbriefe an die Großherzogin Luise und den zehnjährigen Erbgroßherzog Carl Alexander nahmen ihn ganz in Anspruch, und während er in einem Briefe an den Bonner Professor Nees von Esenbeck schreibt: »Meine Empfindungen sind wortlos!« und sein Schreiben an den Erbgroßherzog in die trauervollen Worte ausklingen läßt: »Auch dieses Spärliche hat mich viel gekostet, denn ich scheue mich, an dasjenige mit Worten zu rühren, was dem Gefühl unerträglich ist,« mußte er die Geduld aufbringen, Stieler, der ihn damals gerade, eigens aus München dazu nach Weimar berufen, malte, unermüdlich weiter zu sitzen … Immer wieder stößt man in diesen unruhvollen Wochen im Tagebuch, unter sichtlicher Vermeidung des Wortes »Tod«, auf Ausdrücke wie »das Notwendigste des Augenblicks«, »das Nächstvergangene und Zunächstbevorstehende« und »das traurige Ereignis«, und ein langer Brief an die in Karlsbad weilende Schwiegertochter Ottilie schildert noch einmal, zusammenfassend, in ergreifenden Worten die ganze lastende Schwere dieser Tage. Dann aber verzeichnet das Tagebuch am 3. Juli, fast froh, die »Vergünstigung eines Aufenthalts in Dornburg«, und am 5. schon meldet Goethe sich »auf Montag« bei Knebel, dem alten Freunde junger, längst verrauschter Jahre, der seit langem in Jena wohnte, an.

Am 7. endlich, gegen Abend, traf er in Dornburg ein, wo ihn die heißersehnte Stille empfing.


Vor über fünfzig Jahren war Goethe, damals noch von allem Reiz der Jugend umstrahlt, zum erstenmal in Dornburg gewesen. Jetzt kehrte er, ein Greis, an die geliebte Stätte zurück, um still für sich den zu betrauern, der ihm in jungen Tagen gemeinsamen Glücks die wundervolle, weltverlorene Schönheit dieses Stückchens Erde erschlossen hatte.

Die Legende erzählt, daß Goethe und Carl August Anno 1776 von Apolda aus hierher geritten sind, auf einem der vielen wilden Ausflüge, die der junge, lebenslustige Fürst und der Dichter des »Werther« damals so gerne machten, um dem steifen, höfischen Leben von Weimar zu entfliehen. Oktober war es, und die steilen Saalehänge lagen im Rauschgold des Herbstes. Der Weg war beschwerlich. Verlockend zwar winkten von der Höhe des Berges, tief in bronzebraunes Laub gebettet, die drei Schlösser, aber die Pferde waren müde. Verdrießlich fragte Goethe, dessen in neue Liebe verstricktes Herz nach der Stein bangte und dem der gerade Weg nach Weimar der liebste gewesen wäre, den Freund: »Du führst mich ja einen bösen Weg. Wird's sich auch lohnen?« Und »Warte nur!« entgegnete ihm Carl August, der seiner Freiheit froh war und kein so dringendes Gelüsten nach dem dumpfen, stickigen Weimar trug, »wenn wir oben sind, wirst du's sehen!«

Und ja, es lohnte sich! Goethe, von jeher für landschaftliche Reize empfänglich wie kein anderer, war hingerissen. Das hatte er nicht erwartet, und jeder, der zum erstenmal von den Terrassen der Dornburgschen Schlösser aus auf das in friedvoller Ruhe daliegende Saaletal herniederblickt, wird es verstehen, daß Goethe zeit seines Lebens mit immer gleicher Liebe an diesen Schlössern, dieser Landschaft hing. Damals ruhte er, alter lieber Gewohnheit folgend, nicht eher, als bis er den großen Eindruck, den die drei auf steilster Bergeslehne thronenden Schlösser auf ihn gemacht hatten, im Bilde festgehalten hatte. Die kleine Bleistiftzeichnung, die jetzt das Goethe-Nationalmuseum in Weimar mit vielen anderen von Goethes Hand als kostbarstes Vermächtnis aufbewahrt, schickte er, in Gedanken ja doch immer bei Charlotte von Stein weilend, sofort an diese nach Kochberg, und auf die Rückseite des Blattes schrieb er dazu die wenigen Worte

»Ich bin eben nirgend geborgen,
Fern an die Saale hier
Verfolgen mich manche Sorgen
Und meine Liebe zu dir.

Dornburg 16. Oktbr. 76.«

Diese kurzen Verse und die Zeichnung sind die ersten wirklichen Belege für Goethes Bekanntschaft mit Dornburg — vergeblich habe ich versucht, was die Legende so hübsch erzählt, durch Tatsachen zu erhärten, aber so ergiebig die Goethe-Literatur auch sonst ist, hier versagt sie. Der Briefwechsel mit Charlotte von Stein, der diese sehnsüchtigen Verse zwischen einen rührend hingebenden Abschiedsbrief an die »Madonna« und den leidenschaftlichen Hymnus des Dichters »An den Geist des Johannes Sekundus« stellt, und das Tagebuch mit den drei kargen Worten: »Dornburg. Camburg. Naumburg.« bleiben nach wie vor einzige Quelle. Aber gerade das Ungewisse — das auch Goethe selbst durch keine, auch nicht die kleinste Äußerung in seinen Schriften, Briefen und Gesprächen später aufzuhellen für gut befunden hat — breitet, wie um so vieles in seinem Leben, auch um diese Episode den Schleier der Verklärung, und was ihm selbst in seinem hohen Alter vielleicht Legende dünkte, bleibt es nun auch für uns.