Hat Goethe damals, als er im Juli 1828 in seiner großen, bequemen Reisekalesche von Jena die Saale abwärts nach Dornburg fuhr und, von der untergehenden Sonne in rote Glut getaucht, die drei Schlösser vor ihm auftauchten, jener fernen Zeit gedacht?
Sicherlich. Denn wenn er in Wirklichkeit auch allein im Wagen saß, als Schatten begleiteten ihn doch der treue Lebensgefährte, dem sie jetzt in Weimar in der kühlen Fürstengruft soeben das letzte Lager bereitet hatten … und in Gedanken mögen die Lippen des greisen Dichters, während das große dunkle Auge in der von seligem Sonnenglanz erfüllten Weite hing, manch erinnerungsschweres Wort geformt haben, das dem toten Freunde und gemeinsam verlebten Stunden galt. Zwar jener erste Besuch auf Dornburg gehörte nun schon einer Welt, aus der fast alle, die sie einst belebten, längst ins Grab gesunken waren; aber da waren in den nun zurückliegenden fünfzig Jahren hundert andere gewesen, die ihn, allein und nicht allein, hierher geführt hatten, und sie alle spülte nun die Erinnerung wieder aus der Vergangenheit herauf, Fluch und Gnade in eins, und wunderlich vermengte sich in unbewußtem Nachdenken Altes, das er längst abgetan geglaubt, mit Neuem, das seine Seele jetzt bewegte.
Mit leisem Rauschen trieb neben ihm, im Getrappel der Pferde kaum vernehmbar, die Saale dahin, von grüner Wiese und schwankem Weidengebüsch sanft gehegt, nur manchmal, wenn sich aus den weichen Uferhängen starre Felsen drängten, in unwilligem Bogen ausweichend, dem Straße und Wagen folgen mußten. In den Ebereschen hingen schon rot die Beerendolden.
Er dachte nach. Ferne Zeiten dämmerten herauf, die Jahre, da sein Herz sich Tag und Nacht in heißer Sehnsucht nach der geliebten Frau in jenem stillen, großen Hause an der Ackerwand in Weimar verzehrte … fast ging es, trotz der sommerlichen Wärme des Julitages, wie ein erkältender Hauch über ihn hin.
Da war der erste Besuch des Hofes, Anno 1777 im Juli … die Herzogin kannte Dornburg noch nicht, und wie Knebel an den in Pyrmont weilenden Herder schrieb, soll sie geäußert haben: »Das ist der beste Tag, den ich noch hier gehabt habe. Es ist mir wie in einem schönen Traum.« Arme blasse Luise! Das Schicksal hat dir nicht viele solcher Tage in Weimar geschenkt, und oft genug magst du des heiteren »Frühstücks auf dem Fünfeck« gedacht haben, das ein »überherrlicher Morgen«, wie Goethe selbst damals in seinem Tagebuche jubelt, zu einer Stunde reinsten Glückes werden ließ … Später hatte dann der Herzog seinen jungen Minister ein paarmal zur Rekrutenaushebung ins Land geschickt, zur »Auslesung« — keine angenehme Aufgabe, besonders nicht für einen Dichter, dessen Phantasie gerade um die hoheitsvollen Gestalten einer Iphigenie, eines Orest schwingt. Ungefähres zuckte schmerzlich durch sein Hirn.
Wir Enkel, die wir in den reichen Schätzen seines Erbes leben und atmen dürfen, wir brauchen nur wieder die Briefe an Charlotte von Stein aufzuschlagen und finden Gewisses. Da schreibt er am 2. März 1779 aus Dornburg an die ferne Geliebte: »Knebeln können Sie sagen daß das Stück sich formt, und Glieder kriegt. Morgen hab ich die Auslesung, dann will ich mich in das neue Schloß sperren und einige Tage an meinen Figuren posseln … Jetzt leb ich mit den Menschen dieser Welt, und esse und trinke, spase auch wohl mit ihnen, spüre sie aber kaum, denn mein innres Leben geht unverrücklich seinen Gang.« Und zwei Tage später: »Auf meinem Schlößgen ist's mir sehr wohl, ich habe recht dem alten Ernst August gedankt, daß durch seine Veranstaltung an dem schönsten Platz, auf dem bösten Felsen eine warme gute Stätte zubereitet ist … Die Tage sind sehr schön, die Gegend immer allerliebst.« Mit dem »Schlößgen« meint Goethe das mittlere der drei Dornburgschen Schlösser, den Rokokobau. Denn nur dieses konnte damals bewohnt werden, da in dem alten Schloß eine Barchentspinnerei untergebracht und das dritte, das Stohmannsche Freigut, eben noch Freigut war und noch nicht dem Herzog gehörte.
Und noch einmal taucht Dornburg in den Briefen an Frau von Stein auf. Das ist 1782. Wieder zwingt den Dichter, wie er in seinem Tagebuch offenherzig schreibt, »das alberne Geschäft der Auslesung zum Militär«, vier Wochen im Lande herumzureiten. Es ist März und die Frühlingsstürme blasen. So fürchtet er schon in Jena, daß das Zusammentreffen mit der Geliebten in Dornburg, das in Weimar verabredet worden war, nicht möglich sein werde. Und es wurde auch nichts daraus. Am 16. März geht dafür ein kurzer Brief aus Dornburg an sie ab, der seine bange Sehnsucht und Erwartung schildert — »jetzt da es Nacht wird sinckt mein Vertrauen nach und nach, und die Resignation tritt ein« — und ihr meldet, daß sein »Mieting« (das herrliche Gedicht auf Miedings Tod) fertig ist. Inzwischen war auch der Herzog auf Dornburg angelangt, mit Briefen von Frau von Stein, die dem Dichter Beruhigung brachten. Ein Sonntagsbrief Goethes an sie meint nun: »Jetzt ist mir's lieber daß Du nicht gekommen bist. Der halbgeschmolzene Schnee zwischen den schwarzen Bergen und Feldern gibt der Gegend ein leidig Ansehn. Du sollst sie im Sommer zum erstenmal besuchen.« Und am Abend des gleichen Tages läßt ihn die Sehnsucht noch einmal zur Feder greifen: »Es geht morgen ein reitender Bote nach Weimar, so kannst du dies zum guten Tag haben … Leb wohl, ich bin dein. Meine Seele schliest sich in sich selbst zusammen, wenn mir dein Anblick fehlt.« Der Tag wäre im übrigen still hingegangen, sie hätten geplaudert und gelesen, wären auch ein wenig spazieren gegangen. »Ich bin ganz leise fleißig, ich möchte nun Egmont so gar gerne endigen. Und seh es möglich.«