Das ist alles. Als Traum fliegt es durch die Erinnerung des sacht Dahinfahrenden, Verse aus Iphigenie, Worte aus Egmont, hier mit dem Blick auf die Saale und ihre Wälder und Felder geformt, klingen wie aus verschütteten Tiefen herauf. Die Schlußzeilen aus dem Mieding-Gedicht, hier einst gefunden, als der Märzsturm greulich die alten Felsen und Mauern umtobte, gewinnen neue Bedeutung, da ihr zauberischer Klang nun auch um ein anderes Grab schwingen darf:

»Fest steh dein Sarg in wohlgegönnter Ruh;
Mit lockrer Erde deckt ihn leise zu,
Und sanfter als des Lebens liege dann
Auf dir des Grabes Bürde, guter Mann!«

Und leise aufstöhnend deckt der alte Herr im Wagen, der so aufrecht sitzt und dessen volles Kinn so gravitätisch in der schneeigen Binde ruht, die Augen auf einen Moment mit der Hand … und denkt vielleicht auch daran, daß die, um die er hier in Dornburg und »soweit die Welt nur liegt« in zehrender Liebe gebangt hat, nie die Dornburger Gegend gesehen hat, die er ihr »im Sommer« einmal hatte zeigen wollen; daß auch sie seit fast zwei Jahren tot ist …

Und das Bild einer anderen Toten steigt aus der Erinnerung, das hübsche Bild Christianens, seiner Frau. Frohe Tage bringt es mit sich, die ihr helles Lachen, ihr heiteres Geplauder, ihre stete Fürsorge für ihn verklärten. Wie oft ist er mit ihr und August in Dornburg gewesen! Damals prangte sie noch in allem Glanz der Jugend, war eine »gute Kleine«, und August war noch ein »Bübechen«. Auch das ist lange her! Der Briefwechsel zwischen Goethe und Christiane, den erst Hans Gerhard Gräf, nach unbillig langer Sekretierung, »für die Guten und nicht für die Bösen« endlich zugänglich gemacht hat, erzählt mancherlei von diesen harmlosen Ausflügen. War Goethe in Jena, so fuhren die Geliebte (die Goethe, wie aus früheren Briefen an Schiller hervorgeht, schon längst als seine Frau betrachtete, wenn sie das in Wirklichkeit auch erst 1806 wurde) und der kleine August oft von Weimar hinüber zu ihm, und immer schloß sich dann eine jener »Partien« nach dem nahen Dornburg an, die Christiane etwa dann die kindlich-reizenden Worte finden ließen: »Ich danke Dir noch herzlich für das vergönnte Späßchen!« und die in August, als er schon wohlbestallter Assessor und ein Lebemann dazu war, noch sehnende Erinnerungen weckten … Da heißt es dann in Goethes Tagebuch immer kurz und lakonisch: »Mit den Meinigen nach Dornburg« oder: »… wir fuhren abends nach Dornburg«; aber die wenigen Worte sprechen für sich, und die Innigkeit des Tones verrät deutlich die reine väterliche Freude, die dem Dichter solche Familienausflüge gemacht haben müssen, zumal das zwanglose Landleben in Dornburg und der Jahrmarkt im nahen Lobeda, dessen Besuch nie versäumt wurde, der lebenslustigen Christiane Gelegenheit genug geboten haben werden, ihre Frohnatur zu zeigen.

Ihre Frohnatur … und wieder finden sich willfährig Verse, die tröstend aus der Vergangenheit herüberklingen, als Schatten dem Träumenden den Blick verdunkeln wollen:

»Froh glänzend Auge, Wange frisch und roth,
Nie schön gepriesen, hübsch bis in den Tod.«

Ja, bis in den Tod, und was einst, als sie in »fürchterlichem Kampfe« starb, »Leere und Totenstille« in ihm ließ, das gestaltete dankbare Erinnerung zu »fröhlichem Vermächtnis«. Zu diesem fröhlichen Vermächtnis gehört auch Dornburg.

Und andere Tage gleiten dem Fahrenden durch den Sinn, Tage, da er, nun schon lange einsam geworden, allein in Dornburg weilte, nur in der Zwiesprach mit den stillen Pflanzen und den stillen Steinen Unterhaltung suchend, die ihm mit stummer Hingabe seine rätselnde Liebe lohnten. Wie war das doch damals gewesen, als er in Jena das Zettelchen des Kanzlers von Müller empfing, das ihn in kurzen, warmen Worten nach Dornburg lud? Zehn Jahre sind es gerade her, aber der Frühlingstag steht deutlich vor ihm. Wieder einmal war Dornburg ein Blütenmeer … »Blüthenburg«, erzählt der Kanzler von Müller in seinen Unterhaltungen mit Goethe, »sollte man Dornburg nennen, denn Dornen fanden wir keine, aber duftende herrliche Blüthen in Menge.« Müller war mit Julie von Egloffstein, Goethes »schöner Schülerin«, von Weimar nach Dornburg gefahren und erwartete den Dichter in dem »allerliebsten Feenschlößchen, das am schroffen Felsabhange wie durch Zauberei aufgerichtet scheint«. Ernst und feierlich kam Goethe durch die Hecken des kleinen Gartens geschritten. Im weißblauen Speisesaal wurde das Mittagsmahl eingenommen, »auf derselben Stelle, wo einst vor sechzehn Jahren eine verwandte fröhliche Gesellschaft bei ähnlicher Lustfahrt im heitern Übermut auf rosenbestreuten Polstern unter Gitarrenspiel und Gesang sich niedergelassen und dem Genius des Orts manch geflügeltes Wort und Lied geopfert hatte«. Und in heiterem Geplauder verging der schöne Sonnentag und endete in ernstem philosophischen Gespräch. »Es war als ob vor Goethes innerem Auge die großen Umrisse der Weltgeschichte vorübergingen, die sein gewaltiger Geist in ihre einfachsten Elemente aufzulösen bemüht war. Mit jeder neuen Äußerung nahm sein ganzes Wesen etwas Feierlicheres an, ich möchte sagen, etwas Prophetisches.«

So kam der Abend, die Luft war schwer von Blütenduft, in den Fliederhecken begannen die Nachtigallen zu schlagen. Der Himmel stand über den Bergen des weiten Tals in rosiger Bläue. Da erhob sich Goethe. »Laßt mich, Kinder,« sprach er, plötzlich vom Sitze aufstehend, »laßt mich einsam zu meinen Steinen dort unten eilen; denn nach solchem Gespräch geziemt es dem alten Merlin, sich mit den Urelementen wieder zu befreunden.« Und in seinen hellgrauen Mantel gehüllt, den er als Abendgewand so liebte (auch als er im Frühherbst 1815 bei Willemers auf der Gerbermühle zu Besuch weilte, trug er, wie Marianne von Willemer erzählt, immer abends seinen »weiß flanellenen Hausrock«), stieg er ins Tal hinab, vorsichtig Schritt für Schritt die morschen Stufen prüfend, ernst und feierlich, wie er am Mittag gekommen, aber jetzt in der schon leise fallenden Dämmerung eine geisterhafte Erscheinung. Hin und wieder blieb er ein Weilchen stehen, bückte sich nach Steinen, ließ Blumen und Gräser durch die schöne weiße Hand gleiten. Und manchmal klang zu den Zurückgebliebenen, die ihm wie gebannt nachsahen, gedämpft der Klang des Hammers herauf, mit dem er den starren, schweigenden Fels prüfte oder kleine Gesteinteile für spätere Forschungen abschlug … und so entschwand er allmählich dem Blick, zerrann im Schatten der Berge, kein Mensch mehr, nein, ein Gott, der mit der Natur um ihre tiefsten Geheimnisse rang … Merlin der Alte, der Dichter des »Faust« und selbst eine faustische Erscheinung. »Wir aber fuhren,« so schließt Müller »unter traulichen Erinnerungsgesprächen durch das blühende Jenaische Tal froh und heiter nach Hause.«