Das war im April 1818 gewesen!
Jetzt schrieb man 1828. Wieder lag das Jenaische Tal in abendlichem Glanze, auf den Feldern wogte das gelbe Korn, und in dem unendlichen Himmel standen wie Pünktchen die Lerchen und erfüllten die laue Luft mit jubelndem Gesang. Statt des Flieders blühten auf den Terrassen der Dornburg-Schlösser die Rosen, man sah sie nicht, aber der Wind trug ihren Duft dem Wagen entgegen … den schwachen Duft der zarten weißen und den starken der üppigen roten. Da kamen wieder die Erinnerungen, verklungene Rosenzeit stand auf und bedrängte das Herz des einsamen Mannes. In diesem Herzen war es Herbst, später Herbst. Von der langen Fahrt ermüdet, die Seele dumpf erfüllt von den »düstern Funktionen« in Weimar, sank er für einen Augenblick in sich zusammen: Schatten, wohin er sah, schattenhaft die Jahre, die vergangen, schattenhaft die Gestalten, die ihnen Qual und tiefster Lebensrausch gewesen! Von vielen, vielen Toten er der einzig Lebende! Kam nun auch für ihn die Nacht? Ein kühler Hauch vom nahen Mühlenwehr, an dem sie grad vorüberrollten, ließ ihn leicht erschauern …
Die Pferde quälen sich den Berg hinauf, die Räder mahlen im Sande. Über dem Städtchen Dornburg schwanken die Abendschatten. Und schattenhaft auch das Schloß, das ehemalige Stohmannsche Freigut, als der Wagen endlich hält. Nur um die letzten Giebel hängt noch ein wenig blasse Sonne — so auch das alte Haus zu einem Symbol des eigenen Lebens gestaltend, denkt er. Goethes Sekretär John und der junge Hofgärtner Sckell empfangen ihn. Vor dem reichverzierten Renaissance-Portal stutzt sein Schritt, das Auge fesselt flüchtig ein lateinischer Spruch.
Wie lautet er?
»Gaudeat ingrediens laetetur et aede recedens
His qui praetereunt det bona cuncta deus. 1608.«
Gaudeat ingrediens … »Freudig trete herein!« murmeln seine Lippen, und wie ein leiser Trost tritt da vor das trauervolle Herz Hatems das Bild Suleikas.
Und an den Dienern vorbei, die Windlichter halten, schreitet Goethe, nun wieder ganz verhaltene Würde, gelassen über die Schwelle und verschwindet im Dunkel des Flurs.
Ruhe und Vergessen hat Goethe in Dornburg gesucht, beides hat er gefunden. Die Natur tat ein übriges und schickte ihrem Liebling wundervolle Sommertage. Hofgärtner Sckell — der über ein Menschenalter später diese Zeit in einem kleinen Buch mit dem Titel »Goethe in Dornburg. Gesehenes, Gehörtes und Erlebtes« geschildert hat — hatte ihm in dem neu erworbenen Schloß die sogenannte »Bergstube« im ersten Stock eingerichtet, die in der Südwestecke des winkligen Baues liegt. Das Zimmer ist heute wieder in genau dem gleichen Zustand wie damals, als Goethe es bewohnte. Das Eckfenster, aus dem der Dichter so gerne ins Tal geblickt hat, trägt auf seinem Rahmen unter Glas die Inschrift: »1828 vom 7. Juli bis den 12. September verweilte hier Goethe.«