Es ist ein ganz einfaches Zimmer, das in seiner Schmucklosigkeit lebhaft an Goethes Schlaf- und Arbeitszimmer in Weimar erinnert. Der Fußboden rohes Holz, die niedrige Balkendecke wie die Wände hellgrau getüncht. Auch die Möbel völlig schmucklos — ein brauner Arbeitstisch, ein Sekretär, ein paar Stühle, deren gestickte Polsterbezüge von Frau von Stein und Frau von Wolzogen stammen, zwischen den Fensterpfeilern ein Tischchen — das ist alles. Man betritt das ärmliche Gemach durch ein Empfangszimmer, das Kupferstiche und Büsten etwas wohnlicher gestalten. Aber auch dies Zimmer war nur für die Vertrauten, den Besuch vornehmer Gäste und Fremder nahm Goethe in dem benachbarten Rokokoschlößchen oder im Garten entgegen. Hinter der »Bergstube«, durch eine niedrige Tür damit verbunden, die Schlafkammer. Ein schmales Bett, ein grünes Sofa, ein paar Stühle, ein Schrank, über dem Bett wenige selbstgeschnittene Silhouetten, das ist auch hier das ganze Mobiliar.
Und doch hat sich Goethe in dieser ärmlichen Umgebung glücklich gefühlt, sehr glücklich sogar. Er lebte ja auch eigentlich nicht in den engen Zimmern, sondern draußen in der Natur. Die Terrassen, der Garten, der »Hain«, das weite Saaletal, das war sein Reich. Wieder waren ihm die Pflanzen und die Steine die liebste Gesellschaft, in dem stillen, ungestörten Verkehr mit ihnen fand er die ersehnte Linderung für den großen Schmerz, den ihm der plötzliche Tod des fürstlichen Freundes bereitet hatte, gewann er die ruhige Kraft zu den strengen wissenschaftlichen Arbeiten, die auch hier seinen Tag ausfüllten, und tiefster Seelenrausch vor allem wurden ihm die lauen Augustnächte, wenn das weite Tal ihm zu Füßen im Licht des Vollmonds schwamm und die Berge mit silbernen Konturen gegen den geheimnisvoll durchleuchteten Himmel standen. In solchen Stunden fand sein beschwingter Mund Worte, die in ihrer schweren Süßigkeit an seiner jungen Jahre schönste Dichtungen gemahnen. Sehnsucht nach einer geliebten Frau tat auch diesmal das Ihre dazu. Als Goethe nämlich vor langen Jahren, es war im Herbst 1815, mit Marianne von Willemer und ihrem Mann in Heidelberg zusammen gewesen war, hatten sich die beiden Liebenden in einer dufterfüllten Vollmondsnacht versprochen, bei jedem zukünftigen Vollmond einander im Geiste nah zu sein. Der Hatem-Rausch war nun schon längst verflogen, die Zeit, von der die wundervollen Verse erzählen: »… und noch einmal fühlet Goethe Frühlingshauch und Sonnenbrand,« war längst im Spiegel des »West-Östlichen Diwan« eingefangen; aber die stille Neigung zu Suleika hatte der Jahre flüchtigen Lauf überdauert, und aufs neue erwachte sie, als Goethe nun in Dornburg, drei Tage vor dem Eintritt in sein achtzigstes Lebensjahr, nachts am Fenster seiner Bergstube stand und geblendeten Auges, aufs tiefste erschüttert, in die silberne Fülle des Mondes blickte … er war im Geiste bei der Frau, die er seit jenem frühlingshaften Heidelberger Herbste nie wieder gesehen hatte. Vom 25. August 1828 stammt das Gedicht: »Dem aufgehenden Vollmond.« Es lautet:
»Willst du mich sogleich verlassen?
Warst im Augenblick so nah!
Dich umfinstern Wolkenmassen,
Und nun bist du gar nicht da.
Doch du fühlst wie ich betrübt bin,
Blickt dein Rand herauf als Stern!
Zeugest mir, daß ich geliebt bin,
Sei das Liebchen noch so fern.
So hinan denn! Hell und heller,
Reiner Bahn, in voller Pracht!
Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,
Überselig ist die Nacht.«
Marianne erhielt das Gedicht am 23. Oktober von Weimar aus. Aber im Begleitbrief heißt es: »Mit dem freundlichsten Willkomm die heitere Anfrage: wo die lieben Reisenden am 25. August sich befunden? und ob sie vielleicht den klaren Vollmond beachtend des Entfernten gedacht haben? Beikommendes gibt, von seiner Seite, das unwidersprechlichste Zeugnis.«
Die Natur, die hier alles ist, war ihm wirklich alles. Er gab sich ihr ganz hin. Schon das erste Tagebuchblatt aus Dornburg meldet: »Früh in der Morgendämmerung das Thal und dessen aufsteigende Nebel gesehen. Bey Sonnenaufgang aufgestanden. Ganz reiner Himmel, schon zeitig steigende Wärme … Abends vollkommen klar. Heftiger Ostwind.« Ähnliches findet sich Tag für Tag, und immer wiederholt sich die Bemerkung: »Auf der Terrasse spaziert.« Sckell erzählt, daß er stets schon um 6 Uhr aufstand. Das Tagebuch bezeugt es. Wenn die Welt noch ganz still und keusch in feierlicher Schönheit dalag, empfand er lebendig das homerische Wort von der »heiligen Frühe«. Auch hier formt sich seelische Erschütterung zu Versen:
»Früh, wenn Tal, Gebirg und Garten
Nebelschleiern sich enthüllen,
Und dem sehnlichsten Erwarten
Blumenkelche bunt sich füllen;
Wenn der Äther, Wolken tragend,
Mit dem klaren Tage streitet,
Und ein Ostwind, sie verjagend,
Blaue Sonnenbahn bereitet,