Das alles zeigt sich mir wie vor fünfzig Jahren, und zwar in gesteigertem Wohlsein, wennschon diese Gegend von dem größten Unheil mannigfach und wiederholt heimgesucht worden. Keine Spur von Verderben ist zu sehen, schritt auch die Weltgeschichte hart auftretend gewaltsam über die Täler. Dagegen deutet alles auf eine emsig folgerechte, klüglich vermehrte Kultur eines sanft und gelassen regierten, sich durchaus mäßig verhaltenden Volkes …

Nun aber sei vergönnt, mich von jenen äußern und allgemeinen Dingen zu meinen eigensten und innersten zu wenden, wo ich denn aufrichtigst bekennen kann: daß eine gleichmäßige Folge der Gesinnungen daselbst lebendig sei, daß ich meine unwandelbare Anhänglichkeit an den hohen Abgeschiedenen nicht besser zu betätigen wüßte, als wenn ich, selbigerweise dem verehrten Eintretenden gewidmet, alles, was noch an mir ist, diesem wie seinem hohen Hause und seinen Landen von frischem anzueignen mich ausdrücklich verpflichte.«

Goethe selbst hat diesen Brief, der eben mehr als ein Brief, der eine Konfession, eine Dichtung ist, zusammen mit einer Zeichnung jenes Schloßportals aufbewahrt, und Eckermann erzählt in seinen Gesprächen mit Goethe ergreifend, wie dieser ihm im März 1831 Brief und Zeichnung gezeigt, wie tief beides auf ihn gewirkt und wie der greise Dichter es dann wieder in einer besonderen Mappe fortgelegt hat, »um beides für die Zukunft zu erhalten«.


Goethe hätte nicht Goethe sein dürfen, wenn nicht die Einsamkeit, die er in Dornburg suchte, schließlich illusorisch geworden wäre. Alle Welt besuchte ihn hier, und vielleicht hat er deshalb die Morgen- und Abendstunden so geliebt, weil er da wirklich allein war und sich ganz den geliebten Naturstudien widmen konnte. Es entspricht aber seinem Wesen, das auch Anregung durch geistigen Gedankenaustausch in Wort und Schrift brauchte, daß er über die vielen Besuche keineswegs ungehalten war.

Auch darüber plaudert der ihn die ganze Zeit über betreuende Hofgärtner sehr hübsch in seinem kleinen Büchlein. Kam die Schwiegertochter mit Eckermann und den Enkeln von Weimar herüber, so war er sogar froh und überließ sich ganz dem großväterlichen Behagen. Reizend schildert Eckermann selbst so einen Besuch (»Er schien sehr glücklich zu sein,« meint der Getreue) und läßt dann Goethe selbst reden: »Ich verlebe hier so gute Tage wie Nächte. Oft vor Tagesanbruch bin ich wach und liege im offenen Fenster, um mich an der Pracht der jetzt zusammenstehenden drei Planeten zu weiden und an dem wachsenden Glanz der Morgenröte zu erquicken. Fast den ganzen Tag bin ich sodann im Freien und halte geistige Zwiesprache mit den Ranken der Weinrebe, die mir gute Gedanken sagen, und wovon ich auch wunderliche Dinge mitteilen könnte. Auch mache ich wieder Gedichte, die nicht schlecht sind, und möchte überall, daß es mir vergönnt wäre, in diesem Zustande so fortzuleben.«

Aber auch Besuche anderer Art erfreuten ihn. So brachte Soret den jungen Erbgroßherzog zu ihm, die Herzöge von Wellington erwiesen ihm ihre Reverenz, und mit dem Kanzler von Müller mag er, vielleicht ein wenig wehmütig, Erinnerungen an entschwundene Zeiten ausgetauscht haben. Fast immer hatte er, wie Sckell als getreuer Chronist erzählt, sechs bis zehn Personen zu Tisch, und oftmals hat es den braven Hofgärtner Mühe genug gekostet, ein Menü zusammenzustellen, das Goethe befriedigte. Denn so wenig Goethe für sich selbst benötigte, so große Ansprüche stellte er, wenn es galt, Gäste zu bewirten.


Und so kam der Tag, da er sich wieder von Dornburg trennen mußte … auch den Greis rief noch die Pflicht.