»Lange leben heißt viele überleben.« So der alte Goethe an Zelter, als dessen Sohn stirbt. Das Wort ist berühmt. Der skeptische Seufzer eines Vielerfahrenen, um den schon die dünne Luft der Einsamkeit schwankt, und also Maxime, die Weltanschauung prägt. Es fröstelt einen. Und an gleicher Stelle, wo dies »leidige Ritornell« erklingt, heißt es müde weiter: »Mir erscheint der zunächst mich berührende Personenkreis wie ein Konvolut sibyllinischer Blätter, deren eins nach dem anderen, von Lebensflammen aufgezehrt, in der Luft zerstiebt …«
Eine fast mephistophelische Erkenntnis!
Doch ein anderes Wort des Greises loht aus den schweren Schatten dieser Melancholie wie Fanal hervor. Wieder gilt es Zelter, dem Getreuen. 1830. August, den Sohn und Erben, hat in Italien der Tod ereilt, der einem unseligen Leben Ziel setzte. Trost wehrt Goethe ab. »Prüfungen erwarte bis zuletzt!« schreibt er, seltsam gefaßt und ruhig, nach Berlin. Satz für Satz des Briefes entschwebt im gleichen getragenen Ton. Bis plötzlich das Feuer dieses Herzens noch einmal in steiler Flamme aufschießt und in dem Schlußwort: »Und so, über Gräber, vorwärts!« Trauer sich wandelt zu heroischer Geste.
Geht man in Weimar zu den Plätzen, wo die Toten ruhen, so werden diese Goethe-Worte seelische Begleitmusik dem Wege, den man schreitet.
Zwei solcher Plätze hat Weimar.
Da es noch die kleine, weltverlorene Residenz, deren kaum gekanntem Namen nur der wilde Ruhm des Herzogs Bernhard im Dreißigjährigen Kriege flüchtigen Klang gegeben, trug man die Toten der Stadt auf den Jakobsfriedhof. Den winkeln noch heute Gassen so eng ein, daß ihn nur findet, wer ihn sucht. Steht man auf der Höhe über Weimar, vor dem Prunkbau des Museums, dann sieht man hinter der alten Asbach-Talmulde wohl den schwarzen Turm der Jakobskirche spitz und schlank aus dem braunen Dächergewirr steigen … mit den Türmen von Schloß und Stadtkirche weithin uraltes Wahrzeichen der Stadt. Aber kaum betritt man diese selbst, so verschwindet er, Häuserzeilen fangen das Auge, und vor Straßenbahn und Auto verkriecht sich das Gestern, als ob es nicht stören wollte.
So tot ist es in Weimar nirgends wie hier auf diesem Friedhof. Fachwerk und Giebelwand, draus schläfrig halbblinde Fenster blinzeln, ein Stift, ein karger Garten über bröckelnder Mauer — das ist der ärmliche Rahmen einer Stätte, wo ganze Geschlechter den letzten Schlaf fanden, noch jetzt auf Stein und Säulenstumpf Namen von Glanz prunken.
Einst hürdeten Mauern den Platz. Eine »Totengasse« mit schmaler Pforte führte zu ihm. Die Mauern sind gefallen, als neue Zeit den Hügelwirrwarr der Vergangenheit einebnete, Licht und Luft schuf, wo Trauerweide und Rosenstock sich im Laufe von Jahrhunderten zu undurchdringlicher Wildnis verstrickt hatten … ja, die Mauern sind gefallen, und der Weg der Toten heißt jetzt weniger triste die Kleine Kirchgasse. Aber die Kirche steht wie ehedem, da man sie, Anno 1712, in schmucklosem Barock neu aufbaute, schwer wuchten ihre Quadern aus dem Rasenboden, schwer lastet das gebrochene Dach auf ihren steilen Pfeilern. Und auch der Gräber hat man etliche geschont. Verstreut liegen sie in die Kreuz und Quer.