Und wie man so von einem Grab zum andern geht, hier an einem völlig eingesunkenen Hügel verweilt, dort versonnen die verwitterten Steinplatten betrachtet, die verloren an der Kirchenmauer lehnen, naht Erinnerung und schlägt in Bann.
Denn wurde hier nicht, ein Maiabend war's, und nie hätten, wie Caroline von Wolzogen erzählt, die Nachtigallen »so anhaltend und volltönend« gesungen wie in dieser Nacht, Schiller beigesetzt? Verse Conrad Ferdinand Meyers klingen auf:
»Ein flatternd Bahrtuch. Ein gemeiner Tannensarg
Mit keinem Kranz, dem kärgsten nicht, und kein Geleit!
Als brächte eilig einen Frevel man zu Grab.
Die Träger hasteten. Ein Unbekannter nur,
Von eines weiten Mantels kühnem Schwung umweht,
Schritt dieser Bahre nach. Der Menschheit Genius war's.«
Schrecklich! Man sieht den dünnen, im Fackellicht gespenstisch schwankenden Zug in der finsteren »Totengasse«, sieht, ganz in dunklen Schatten, das »Kassengewölbe« an der Mauer, das mit schwarzem Tore wartet … ungeduldig wartet, nur wieder zufallen zu können hinter dem »gemeinen Tannensarg«. Man sieht das, derweilen man vor der Marmortafel grübelt, die da, wo bis 1853 das »Kassengewölbe« stand, in die Mauer eingelassen ist. Und die in steifen Lettern nüchtern erzählt, daß hier Schillers erste Begräbnisstätte.
Nun ruht er ja in der Fürstengruft. 1825, zwanzig volle Jahre später, nur noch Schädel und nacktes Gebein, dorthin gebracht, als man schon kaum mehr am zerfallenen und vermoderten Sarg feststellen konnte, ob es auch wirklich sein Schädel, wirklich sein Gebein war, die am ehrte, Goethe im »ernsten Beinhaus« erst den richtigen Schädel an seiner »geheimnisvollen Form«, an der »gottgewollten Spur« herausfinden mußte.
Diese zwanzig Jahre sind für das Weimar Goethes und Carl Augusts ein böses Rätsel. Wie war das möglich? Hatte Knebel recht, der einmal an seine Schwester Henriette schreibt: »Es ist sündlich, wie man in Weimar mit den Toten umgeht; über Personen, die wirkliche Verdienste für sich und die Gesellschaft hatten, habe ich acht Tage nach ihrem Tode auch nicht einen Laut mehr reden hören!« Knebel meint, 1802, Corona Schröter. Aber das Vergessen, das diese in Ilmenau begrub, hielt auch die Pforte des »Kassengewölbes« auf dem Jakobsfriedhof geschlossen … ein Vergessen, das um so unverständlicher, als der Weimarer Hof doch Sonntag für Sonntag hier an den Gräbern vorbei zum Gottesdienst schritt, da die Jakobskirche zugleich Hofkirche war.
Es war im Oktober 1806. Der Krieg war über Weimar dahingegangen. Goethe hatten im eigenen Hause Marodeure attackiert, Christiane, damals noch Demoiselle Vulpius, hatte ihm durch Geistesgegenwart das Leben gerettet. Dankbar machte er sie auch vor der Welt jetzt zu dem, was sie, seines August Mutter, für ihn selbst schon längst war: zu seiner Frau.
In der Jakobskirche war die Trauung. In der Sakristei. Hart daneben an der Mauer, für alle, die zur Sakristei gingen, nicht zu übersehen, das »Kassengewölbe«. Wenig mehr als ein Jahr war es her, daß Schiller hier beigesetzt. Wenig mehr als ein Jahr, daß Goethe an Zelter geschrieben: »Ich glaubte, mich selbst zu verlieren, und verliere einen Freund und mit ihm die Hälfte meines Daseins.« Wenig mehr als ein Jahr, daß er den Toten in seinem »Epilog zur Glocke« in Lauchstädt schwärmend gefeiert. Aber nichts deutet darauf hin, daß ihm die triste Gruft, armselig und würdelos wie die Bestattung, die ihr »der Menschheit Genius« zugeführt, je gerührt … auch nicht, da er, Christiane am Arm, hier zur Trauung schritt. »Der Lebende hat recht!« heißt es im »Faust«. Goethe sah die Gestorbenen nur noch als Scheinbilder, die er, der Realist, negierte, so sehr er sie auch bedauerte und betrauerte.