Tragisches Geschick, daß die, die hier in später Trauung Erfüllung ihrer Lebensträume fand, zur gleichen Stätte als Tote kehrte! Auch sie bestattet, als ob sie irgendeine beliebige Bürgersfrau und nicht Christiane von Goethe, eines Goethe Frau und Exzellenz gewesen. Wenn heute wenigstens Eisengitter und Steinplatte den Platz schmücken, wo sie seit 1816 still und alleine ruht (höchstens gleicher Erde mit ein paar ihrer kleinen totgeborenen oder schnellgestorbenen Kinder), so ist das Liebesdienst von Goethe-Freunden. Mann, Sohn und Enkel fanden nie den Weg … der Mann, dem sie ein Menschenalter Hausfrau und rührendste Geliebte, der bei ihrem Tode ergreifend klagte, daß der ganze Gewinn seines Lebens wäre, ihren Verlust zu beweinen; der Sohn, dem sie die beste Mutter und Freundin; die Enkel, die doch auch ihres Blutes.
Arme Christiane! Da hat man alle die, die zur Familie Goethe gehören, auf anderem Friedhof sorglich vereint, selbst die fremden Frauen, die August, der Sohn, durch seine Heirat in diese Familie hineingeführt; da hat man deines eigenen Gatten Sarg neben den Särgen von Herzögen und Herzoginnen in fürstlicher Gruft aufgestellt … nur dich hat man vergessen. Das ist Feme und ist Unrecht noch über den Tod hinaus!
Denn du warst doch seine Frau!
Aber ob Frühling oder Sommer, ob Herbst oder Winter, nie flattert eine Blume auf dein kaltes Grab, und daß sich jemand über das Gitter lehnt und mit dir leise Zwiesprach hält, dir liebe Worte zuruft, den dunklen Stein, der deinen Namen trägt, mit Blicken streichelt, ich fürchte, es geschieht nicht oft. Höchstens der Wind, der durch Weimars enge Straßen läuft, der bringt dir vielleicht zuweilen einen Gruß, weht Schmeichellaut dir zu und Kuß vom fernen Garten am Stern, wo du, ein »loses, leidig-liebes Mädchen«, einst in römisch-schwüler Nacht von Goethe den Sohn empfangen. Da mag vielleicht dann auch das Rauschen der Ilm an dein schlafendes Ohr dringen, und mit ihm die Stimme des Freundes. Alt ist das Lied, das diese Stimme singt, und traurig ist es auch. Wie geht es doch?
»Fließe, fließe, lieber Fluß!
Nimmer werd' ich froh,
So verrauschte Scherz und Kuß
Und die Treue so.«
Die Bäume über dir, sie fangen den Klang auf. »Und die Treue so!« klagt das Echo. Die Kinder, die in wildem Spiele hier über die Gräber toben, überlärmen es. Und der Wind der Gasse fegt Unrat zusammen, wo Rosen blühen sollten.
Noch eine andere Christiane liegt auf dem Sankt-Jakobsfriedhof begraben, auch eine Goethesche. Christiane Becker, geb. Neumann. Euphrosyne hat Goethe sie genannt, als Euphrosyne hat er die kleine, blutjung gestorbene Schauspielerin unsterblich gemacht in unsterblichem Liede. So eine Schwester der Corona, ist sie wie diese Gestalt in den Werken: Mignon, — Mädchen und lieblichstes Kind und auch »verstellter Knabe«. Oder, wie das Gedicht an anderer Stelle will:
»Knabe schien ich, ein rührendes Kind, du nanntest mich Arthur
Und belebtest in mir britisches Dichter-Gebild …«