Ein Goethe-Geheimnis umschwelt das bescheidene Grab. Auch hier Stein und Gitter, nichts weiter. Aber die darunter schläft, Gattin und Mutter wider Willen, sie ward nicht vergessen. Liebe gab ihr Anno 1800 im Park, auf dem Rosenhügel des Rothäuser Gartens, eine Säule mit Inschrift. Heinrich Meyer entwarf sie, der Bildhauer Döll führte sie aus: Genien im Tanz, die Spitze lodernde Flamme. Als der Parkteil Privatbesitz wurde, die Besitzer eigensüchtig die Säule vor fremdem Blicke bargen, ließ Wildenbruch sie kopieren. Mit neuen Versen von ihm steht sie nun auf dem Hügelhang neben Goethes Garten am Stern, von Efeu umhäkelt, von wilden Veilchen und, kommt der Herbst, von Herbstzeitlosen umblüht … ein süßes, trauriges Lied, das Monument geworden.

Stein auch die anderen Gräber des Jakobsfriedhofs, Zopf und Empire in Stil und Schnörkel. Mühsam entziffert man die Lettern. Da ruht Georg Melchior Kraus, der Maler, dem halb Weimar sein Bildleben in Stich und Aquarell dankt, Freund und Reisebegleiter Goethes. Da Johann Joachim Christian Bode, der Übersetzer: »Freunde setzten ihm dies Denkmal, dem Leser zur Erinnerung, für sie bedurfte es keines.« Musäus, der Märchendichter. Und ein ganz Großer: Lukas Cranach. Der Stein lehnt an der Kirchenmauer, eine Nachbildung. Das Original findet man in der Stadtkirche … in der uralten Stadtkirche zu St. Peter und Paul auf dem Herderplatz, deren schönster Schmuck das Altargemälde Lukas Cranachs, deren Allerheiligstes die Gruft Anna Amalias. Und ein paar Schritte ab unter der Orgelempore, die ihres Freundes Herder. So mischen sich in Heiligenlegende und Fürstenhistorie, hier seit Jahrhunderten gehütet in magischem Dämmer, die »Stimmen der Völker in Liedern«, denen der Fromme sein Leben lang begeistert gelauscht.

Auch er liegt hier allein, fern der Frau, die ihm Gefährtin und Mutter so vieler Kinder war. Wer das Grab Caroline Flachslands sucht, muß zurück zum Jakobsfriedhof … ohne es wahrscheinlich dort zu finden. Denn es ist eins der vielen namenlos gewordenen Gräber, grasverwachsen, eingesunken der Hügel, und die Inschrift des Steins haben die vielen Kinderfüße verwischt, die hier jahraus, jahrein darüber hinwegtollen: junges Leben, das der Majestät des Todes nicht achtet und Haschen spielt, wo dem Wissenden Trauer das Auge verschleiert.

Nachts, wenn der Mond die Giebel der Häuser mit Silberlicht beträufelt, geht zwischen den Gräbern hier die Vergangenheit spazieren. Rückt hier an einem schiefgewordenen Stein, legt dort einen frommen Kranz nieder. Die Bäume seufzen. Doch naht der Morgen, der Sonne bringt, verfliegt der Spuk, und die Steine liegen wieder schief, und die Kränze sind verschwunden.

Bis 1840 etwa brachte Weimar noch Tote auf den stillen Kirchplatz. Aber schon 1818 wurde der »Neue Friedhof vor dem Frauentor« eröffnet, oben am Poseckschen Garten, wo jetzt in Anlagen das Wildenbruch-Denkmal steht … und so modern Anlagen und Denkmal sind, das braune Posecksche Haus dahinter, ganz die Zeit um 1800, dämpft das Heute, ist der abgelegenen Gegend Kulisse der Vergangenheit und ein Stück Goethe-Welt, die das Gestern beschwört.

Und Goethe-Welt ist dieser Friedhof, nun schon lange wieder zum »Alten Friedhof« geworden. Verwittert die Mauer, angerostet die Gittertore. Bäumchen und Sträucher von einst Wipfelgebirge und üppig wucherndes Gebüsch. Die schwanke Trauerweide, die man dem ersten Toten, der hier 1818 bestattet wurde, einem Schauspieler Eulenstein, auf den Grabhügel gesetzt hat, ist Riesenbaum geworden, der weithin über andere Gräber schattet. Bei diesen Gräbern wohnt die letzte Stille, wohnt die Vergessenheit. Hier hört das Leben Weimars auf.

Hört es auf? Beginnt es nicht erst?