Durch die Baumwipfel fällt schräg die Abendsonne. Sie vergoldet das Kreuz auf der Fürstengruft. Es gibt nicht nur der schattendunklen Allee Licht, die zu Coudrays schönem Bau führt, es leuchtet Deutschland und der Welt. Denn hier ruht Goethe. Flüsterlaut der Grabkapelle wird Andacht und Schweigen in der Gruft. Wie kühl Wand und Gewölbe! Wie dünn die Luft! Und doch atmet man schwer, atmet beklommen; es ist, als ob der Takt des Herzens fürchte, in all den stummen Särgen Echo zu wecken.

Welke Kränze. Schleifen. Kandelaber, die Krepp umflort. Steil darauf die Kerzen. Blumen, die im Vergehen duften … Treue hat sie niedergelegt auf Goethes Sarg, auf Schillers Sarg, auf Carl Augusts Sarg. Holz, Samt, Bronze, so stehen sie da, diese Särge, auf kaltem Steinpodest, von kaltem Stein umgeben. Nur die der beiden Dichter tragen Namen. Für die anderen gibt die Eintrittskarte, zugleich ein Orientierungsplan, stumm die Erklärungen. Und da findet man das ganze Weimarische Fürstenhaus, von Herzog Wilhelm IV., dem Stammvater, bis auf Carl August und Luisen, Carl Friedrich und Maria Paulowna, Carl Alexander und Sophie. Großherzöge, Erbgroßherzöge, Herzöge und Prinzen und ihre Frauen … eine ganze erlauchte Dynastie.

Die Fürstengruft auf dem Alten Friedhofe
am Poseckschen Garten

Und mitten unter ihnen, mehr als sie alle von Gottes Gnaden Königliche Hoheit: GOETHE.

Es ist sein Name, den das goldene Kreuz der Kuppel in die Welt brennt, es ist sein Gebein, das diese Gruft heiligt, es ist sein Geist, der von hier aus unablässig »über Gräber vorwärts« dringt und immer neuen Segen spendet.

Noch drei andere Kreuze schimmern hell in der Abendsonne. Gleich hinter der Fürstengruft. Auf drei Zwiebeltürmchen. Auf dem höchsten das russische mit dem zweiten schrägen Querbalken. Das ist die Russische Kapelle, ganz in Grün versteckt, ganz von Gräbern bis dicht an die Mauern umbrandet, 1858 für die tote Maria Paulowna gebaut, die dem Glauben ihres Vaterlandes treu geblieben war. Da steht ihr Sarg nun an geweihter Stätte und doch nahe dem des Gatten in der Fürstengruft: Carl Friedrichs, und ruft der Jüngste Tag, an den sie beide glaubten, dann können sie aus ihren Sarkophagen Hand in Hand zum Licht emporsteigen, die russische Kaisertochter und der deutsche Fürst, dem zuliebe sie einst die Heimat geopfert.

Dann gesellen sich vielleicht auch Treue aus den Gräbern zu ihr. Ihr halber Hofstaat liegt ja hier. Ihre Oberhofmeisterin zum Beispiel, die Gräfin Ottilie Henckel von Donnersmarck, Ottilie v. Pogwischs Großmutter, der unweit eine feierliche Steinkammer letzte Ruhestätte ist. Oder andere, Hofdamen und Kammerfrauen … das russische Kreuz kehrt immer wieder, zuweilen in gleichem Gitter dem unsrigen auf zweitem Grab vereint, wo dann Gatten verschiedener Konfession ruhen.

Und wie man durch die Gräberreihen geht, hier vorsichtig ein morsches Holzkreuz meidend, das schon wieder Erde werden will, dort von verwittertem Stein die Efeuranken hebend, um die Inschrift zu enträtseln, bedrängt Vergangenheit immer stärker das Herz. Eine tote Zeit steht auf. Namen klingen, die in Büchern ewiges Leben; der ganze Goethe »berührende Personenkreis« ist hier Hügel an Hügel, Mal für Mal versammelt.

Da gleich neben der Fürstengruft der Obelisk gilt Eckermann. Carl Alexander hat ihn »seinem Lehrer in dankbarer Erinnerung errichtet«. Und »Göthes Freund« … wie die andere Seite meldet. Auch Johanna Eckermann, die Frau, geb. Bertram aus Hannover, ruht hier auf dem Alten Friedhof. Sie hatte, eine alternde Braut, lange gewartet, ehe der ewig unentschlossene Bräutigam sie nach Weimar holte … vielleicht war auch Goethe schuld, der Eckermann für sich allein haben wollte. Es ist auch nur ein kurzes Glück gewesen: 1834 schon starb Johanna, und da störte niemand mehr den Eckermann, ganz seinem Goethe zu leben.