Da liegen an der Mauer, hart an der Straße, einträchtig beieinander Pius Alexander Wolf, der Schauspieler, Riemer und seine Frau Caroline, geb. Ulrich (die Uli, Christianens muntere Gesellschafterin), Carl Augusts Leibarzt Dr. Huschke, die Schauspieler Eduard Genast und Carl Ludwig Oels. Auch Heinrich Meyer liegt hier mit seiner Frau, Goethes alter Freund und langjähriger Hausgenosse am Frauenplan, der »Kunschtmeyer«, wie man ihn spöttelnd nannte … und gewiß erzählt die Historie manche Schnurre von ihm; aber sie weiß auch, daß er den Tod Goethes nicht verwinden konnte und ihm wenige Monate später nachstarb, weiß, daß er ein Philanthrop war, dem »das dankbare Weimar« das hübsche Denkmal setzte, das hier an ihn erinnert.
Gegenüber ein schlichter Stein auf flachem Hügel: Christine Kotzebue aus Wolffenbüttel, geb. Krüger, des berühmten Kotzebue Mutter, die Frau von Anna Amalias Kabinettssekretär … aber während der schon 1765 starb, hat sie bis 1828 gelebt. Und hat also Ruhm, Schande und sogar den häßlichen Tod des »großen« Sohnes erlebt und überlebt: welch ein Mutterschicksal!
Drüben die andere Mauer aber, hinter der der »Neue Friedhof« beginnt, ist stärkere Lockung. Alt-Weimar hat hier zunächst seine Geschlechtertafeln: die Ludecus und Coudray, die Conta und Buchwald, die Falk und Kirms, die Thon und Swaine … schlichte schwarze Eisentafeln mit goldenen Buchstaben, einfach in die Mauer eingelassen, mit der sie nun, efeuübersponnen, fast eins. Aus Johannes Falks, des Waisen- und Kinderfreundes, Grab wächst eine riesige Linde hervor: »Unter dieser grünen Linden / Ist durch Christus frei von Sünden / Herr Johannes Falk zu finden …« betet einfältig-rührend die Steinplatte. Und dankbar denkt man seines »Kriegsbüchleins«, das so hübsch »Weimars Kriegsdrangsale in dem Zeitraum von 1806 bis 1813« schildert.
Auch die Familie Mieding hat hier ihren Platz … man weiß: Goethes Gedicht »Auf Miedings Tod«; aber der »gute Mann«, den der junge Goethe so gepriesen, der liegt hier nicht, lag wohl an der Jakobskirche; es sind Nachfahren, die an ihn mahnen.
Und hier an der Mauer auch das Grab oder die Grabstellen, um deretwillen Fremde von weit her kommen: Charlottens und das der Familie Goethe. Alltag verfliegt, steht man davor, und Frauenplan und Ackerwand bauen aus längst verflogenen Stunden Glückes wie Leides Zauberwelten auf. Die Goethe Gesellschaft hat Frau von Stein dies Denkmal errichtet: in Sandsteinumrahmung das Marmormedaillon mit dem zarten, etwas schwermütigen Kopf Charlottens. Darüber der Goethesche Stern. Das Ganze ein wenig steif, ein wenig förmlich — unsinnlich, wie die, der es Erinnerung. Wind macht sich auf, und die Bäume ringsum rauschen. Selbst der Efeu rauscht. Da fängt das Ohr vertrauten Laut:
»Sag', was will das Schicksal uns bereiten?
Sag', wie band es uns so rein genau?
Ach, du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau …«
Der Goethe von 1776. Zehn Jahre, und das Glück (das nie ein Glück gewesen, höchstens ein Schein-Glück) zerbrach. Freundschaft versuchte, als der Lebensabend nahte, die Scherben zu kitten. Aber als man die Tote, letztem Willen ungehorsam, an den Frauenplanfenstern vorübertrug, verbarg sich der, dem sie in abgelebten Zeiten Schwester oder Frau.