Iphigeniens Seele. Eleonorens. Charlotte in den »Wahlverwandtschaften«. Die Gräfin im »Wilhelm Meister«. Briefgeliebte wie keine andere deutsche Frau und, in Stunden des Rausches, vielleicht auch Glück den heißen Sinnen. Nun ein starres Medaillon aus kaltem Stein, Augen, die ins Leere blicken, die suchen und nie mehr finden. Denn der Goethe der Fürstengruft, ein allem Irdischen Entrückter, blickt von ihr weg nach Osten. Das »Alles um Liebe« tönt seinem Ohr nicht mehr.

Es tönt nur uns.


Daneben Goethes Familie. Fünf flache Hügel … jeder Bourgeois-Hügel auf großstädtischem Massenfriedhof zeigt mehr Prunk. Aber über diesen fünf Hügeln liegt in der Mauer, die die Namensplatten trägt, in Tempelnische die süße Mädchengestalt, die selbst Flüchtige fesselt: Alma, des Dichters Enkelin. Am Frauenplan lächelt, rosengeschmückt, die Lebende: Luise Seidlers Bild; hier schläft sie, Marmor geworden. Ja, schläft sie? Atmen diese Kinderbrüste nicht? Will sich die Hand, die den Maiblumenstrauß hält, nicht bewegen? Der schmale Fuß nicht das Lager verlassen? Traum macht die Lider schwer. Nein, sie ist tot. Dieser Busen birgt kein lebendiges Herz. Diese Hand wird nie mehr mit Blumen spielen. Dieser Mund sich nie mehr zu frohem Lachen öffnen.

Unstet fuhr sie durch die Welt, da sie lebte, von der Mutter, die im Taumel Ruhe suchte, hin- und hergerissen. Starb sechzehnjährig und frühreif 1844 in Wien am Typhus. Wurde in Währung begraben, 1895 in Weimar »zur letzten Ruhe bestattet«, und erst 1910 erhielt sie das Denkmal, das bis dahin am Frauenplan im Keller gestanden … welch' eine Fülle von wilden Schicksalen! Das Blut des Vaters, das noch über den frühen Tod hinaus Abenteuer und Fluch bedingte? Kaum. Den Ottilie v. Pogwisch liebte, da sie Alma empfing, war nicht August von Goethe, sondern einer der vielen Engländer, die damals nach Weimar drängten zu der schönen Frau v. Goethe. War Charles Des Voeux, ein junger Schotte. Aber der Mutter unruhiges Blut prägte dieses bittere Mädchenlos.

Ja, Ottilie v. Pogwisch, nun bist auch du längst zur Ruhe gegangen. Daß Goethe in deinen Armen gestorben, ist dein Ruhm. Ihm verdankst du Unsterblichkeit. Friedlich liegst du hier mit Mutter und Kindern … eine Unglückliche unter Unglücklichen. Deines Mannes Grab in Rom überschattet die Pyramide des Cestius, italienische Zypressen schwanken darum, wenn der heiße Südwind weht. Deine Söhne, deine Tochter aber hat der Tod dir wieder an das Herz gelegt, unter dem sie einst verhängnisvoll keimten … alle krank und lebensfremd, unfroh der Bürde des Namens, die sie zeitlebens drückte.

»Mit ihm erlosch Goethes Geschlecht, dessen Name alle Zeiten überdauert,« meldet Walthers Stein. Ja. Der Morgenstern, der dieses Namens Symbol, wird ewig leuchten. Sein Glanz umstrahlt auch die, die unter seinem Lichte litten und die geblendeten Augen in dem Dämmer der Dachstuben am Frauenplan verbargen … die Freiherren waren und doch so wenig frei, so wenig Herr, nur arme Menschen.

Über das eiserne Gitter gelehnt, blickt man auf ihre Gräber, und die Seele, trauervoll bewegt, schickt Gebete in die Fernen, die keiner kennt.