Und weiter. Namen über Namen, jeder irgendwie mit Goethe verknüpft. Es ist erschütternd, wie weit der Umkreis dieser Welt noch im Grabe. Laßberg, Pappenheim, Beulwitz, Egloffstein, Wolfskeel — der Adel Weimars. Auch die »kleine Waldner« fehlt nicht, Luise Adelaide v. Waldner, wie Frau v. Stein Hofdame der Herzogin Luise. Und nur allzu oft der eifersüchtigen Charlotte ein Dorn im Auge, wenn sie ihren Freund von dem immer lachlustigen, koketten Persönchen gefesselt glaubte. Tragikomisch auch eine Tagebuchstelle Goethes von 77: »Abends Kronen und Herzog bei Laiden ertappt« … Krone die Schröter, und Laide die Waldner, und das Ganze der Anfang vom Ende: denn selbst mit einem Herzog teilte Goethe nicht, wo er liebte. Mein Gott, wie lange ist das her! Doch weiter: da ein Wieland! Carl, der Sohn, großherzoglicher Rechnungsrat. »Kein Dichter war des großen Dichters Sohn.« Man denkt an das enge, kinderreiche Haus gegenüber dem Wittumspalais, denkt an Oßmannstedt. Da Luise Seidler, die Malerin aus Jena, von Goethe väterlich betreut. Kersting hat sie als »Stickerin am Fenster« gemalt, ein berühmtes Bild; die Kaiserin Augusta war ihre Schülerin. Auch ein Vulpius-Grab weckt Erinnerungen: Rinaldo und Bianca … Rinaldo, der Sohn von Christianens Bruder; er trägt den Namen des »Helden«, dem sein Vater im Roman zu so traurigem Ruhm verhalf. Andere Gräber: Bonaventura Genelli, Johann Nepomuk Hummel, Hufeland, der Arzt, Dr. Heinrich Goullon, der Ratsmädelfreund, Schwerdgeburth, der Maler oder, wie der Grabstein will: Hofkupferstecher. Sein Goethe-Kopf, der beste, den es gibt, schwebt unsichtbar als Denkmal über dem bescheidenen Erbbegräbnis. Und ganz in der Nähe das Müllersche: ein einziges Efeubeet. Hier ruht der Kanzler v. Müller, einer der treuesten Freunde, die Goethe, einer der besten Diener, die Carl August hatte. Nichts erinnert an ihn als auf rostiger Eisentafel der Familienname. Und die »Unterhaltungen«. Die allerdings sind dauernder als Tafeln aus Erz oder Stein.
Derweilen ist es Abend geworden. Der Himmel schimmernder Opal, in dem schon, leicht wie Flaum, der Mond schwimmt. Schatten schwanken um die Gräber. Eine alte Dame, ganz in Schwarz, zittrig und gebückt, Vergißmeinnicht in der welken Hand, täuscht Vergangenheit, die hier bei den Toten ihr Leben von gestern sucht. Ist es Adelheid v. Schorn, die mit der tiefen Pietät der Greisin aus Jugenderinnerungen und zwei Menschenaltern das »nachklassische Weimar« aufgebaut? Nein, die hat hier auch schon ihre letzte Ruhe gefunden: die Urne auf mütterlichem Grab, von frommem Kranz umwunden, ist Denkmal, das an sie gemahnt. Oder ist's das Gomelchen, Isebies Böhlaus Großmutter? Auch die ist ihrem Freunde Budang schon in den Tod gefolgt … Röse hieß sie, da sie jung war, und war eins von den lustigen Ratsmädeln aus der »Wünschengasse«, über deren tolle Streiche Goethe und der Herzog so oft gelacht. Und auch Charlotte Krackow ist es nicht, die bis zu ihrem späten Tode anno 15 in dem schönen Kirmsschen Hause in der Jakobsgasse gewohnt und noch Goethe gekannt, die letzte übrigens, die ihn gekannt. Denn die ruht auf dem »Neuen Friedhof«. Es wird wohl die Erinnerung selbst sein, die hier im Abend gespenstert, ruhig und gelassen, wie man in Weimar eben gespenstert!
Denn jetzt ist es fast dunkel geworden. Nur vom »Silberblick« her fliegt noch ein wenig Licht des entsunkenen Tages über die Baumwipfel, erhellt notdürftig die Wege, die ganz in stummem Schweigen liegen. Auch die Vögel sind stille geworden, die unbekümmert um die Stätte der Trauer, die ihnen Zufall als Heimat gegeben, den ganzen langen Tag über der Sonne und dem Leben zugejubelt. Kühl weht es über die Gräber. Wo ist die alte Dame geblieben? Wo das Kreuz der Fürstengruft? Hart fällt das Gitter hinter dem späten Besucher ins Schloß, verdrossen riegelt der Friedhofswärter zu. Nacht umfängt die Toten Weimars.
Und da klingt noch einmal das Wort des alten Goethe auf. »Und so, über Gräber, vorwärts!« Trost, der ins Leben zurückgeleitet, das freundlich aus erhellten Fenstern auf Weimars Gassen und Plätze lächelt. Mond und Sterne wandern am Himmel mit. Und die Brunnen rauschen. Sie rauschen wie vor hundert Jahren, da noch der alte Goethe ihrer Zaubermelodie gelauscht.
Inhalt
| Tiefurt und Wittumspalais | Seite | [1] |
| Die Reisen in den Harz | " | [23] |
| Ilmenau | " | [40] |
| Das »Mährchen« von Pyrmont | " | [58] |
| Donnerstag nach Belvedere | " | [80] |
| Advent von Achtzehnhundertsieben | " | [103] |
| Herbsttage in Heidelberg | " | [125] |
| Die drei Schlösser Dornburg | " | [142] |
| Bei den Toten Weimars | " | [167] |