Neun Briefe an Tieck mögen durch ihren Inhalt bestätigen, was aufrichtige Hochachtung ihnen vorangeschickt.
I.
Berlin, den 31. Mai 1835.
Schon längst, verehrter Mann, habe ich dem Drange, auch in der Ferne in lebendiger Beziehung zu Ihnen zu bleiben, durch mittelbare Mittheilungen an meinen Bruder zu genügen gesucht, ohne daß sie mir eigentlich Befriedigung gebracht hätten; dennoch glaubte ich bisher durch directe Zuschrift Sie nicht belästigen zu dürfen. Heut nun giebt eine Art von geschäftlichem Anlaß mir einen Vorwand an Sie zu schreiben und ich ergreife ihn mit Begierde.
Es ist ein Auftrag des Vereins dramatischer Künstler, — von dessen Bestehen ich Ihnen durch meinen Bruder Mittheilung gemacht — welcher mich zu Ihnen führt. Vom Anfange seines Bestehens an, haben wir nämlich Redeübungen vorgenommen, haben gesucht die störenden Ungleichheiten und Unregelmäßigkeiten in der Aussprache abzustellen, was uns auch in vielen Stücken leicht gelungen ist, da nämlich, wo wir uns schnell über die Regel vereinigten und die Unrichtigkeit der Aussprache nur von übler Angewöhnung oder ererbtem Idiom herrührte. Nicht zu erledigen ist uns dagegen bis jetzt die Feststellung der Aussprache des Consonanten g geblieben.
In mehr als 20 Sitzungen ist diese Angelegenheit zur Sprache gekommen, wir haben die ernstlichsten Studien und Beobachtungen darüber angestellt, haben Belehrung gesucht wo sie irgend zu finden war und dennoch ist es uns immer noch nicht gelungen, eine Allen genügende Regel festzustellen: wo in der Mitte und am Ende der Wörter das g weich und wo es hart auszusprechen sei. — Raupach’s Ansicht, welche ich einholte, gab auf eine Zeit den Ausschlag, er rieth uns, das g überall hart auszusprechen, außer nach dem Laute i. Hiernach verfuhren wir eine Zeit lang bei unsren Leseübungen, bald aber erhob sich Widerspruch von vielen Seiten dagegen, man fand, daß durch die strenge Befolgung dieser Regel einige zu große Härten in der Sprache erzeugt würden z. B. in: gerügt, gelegt, Magdeburg, — kurz überall, wo das g vor einem Consonanten stehe. Mehrere gingen noch weiter und behaupteten: das g müsse nicht nur nach dem i, sondern auch noch nach dem e weich ausgesprochen werden, führten dafür Beweise aus der organischen Bildung des Lautes g und aus seiner Verwandtschaft mit dem ch an, welches ebenfalls nach a o u härter, nach e i aber weicher gesprochen werde, wie in: Bach, Loch, Buch - Rechen, mich. Andre wollten nun dagegen das g überall hart, auch nach dem i ausgesprochen haben und behaupteten nur unsre Ungewohnheit erzeuge dabei Härten für unsre Zungen, wie für unsre Ohren. Die Mehrzahl der Mitglieder des Vereins vereinigte sich über eine fünffache Art das g auszusprechen: 1) die ganz harte zu Anfang jedes Wortes: Gott, Gift u. s. w., 2) eine minder harte, mit sanfterem Drucke des hinteren Zungentheiles gegen den Gaumen, in: Auge, legen, Weg, Betrag, Sarg, Burg, 3) eine weiche gleich dem j, vor einem Consonanten in vergnügt, gelegt, Magd, 4) eine gleich dem ch in: König, Essig, 5) eine nasale, kaum hörbare, nach dem n, in: Ring, bang, fingen, Range. — Ueber die Anwendung aber der 2. und 3. Art der Aussprache herrscht nun immer noch die größte Verschiedenheit der Ansichten und ich, als Secretair des Vereines, bin daher aufgefordert worden, Sie verehrter Mann zu bitten, uns Ihre Meinung über diesen Gegenstand zu sagen. Der Antheil, den Sie der dramatischen Kunst und jeder redlichen Bestrebung für sie schenken, läßt uns hoffen, daß Sie uns Ihre Hülfe in unsren Nöthen nicht versagen werden. Da wir es nicht wagen, unsre Wünsche bis zu einer directen schriftlichen Antwort auszudehnen, so geht meine Bitte dahin, daß Sie vielleicht die Güte hätten, meinem Bruder, welcher wol von Wien zurückgekehrt sein wird, die Regel, das Gesetz, welches Sie selbst Sich über die Aussprache des g gebildet haben, in die Feder zu sagen. Leider habe ich mein Gedächtniß vergebens durchstört, um die Erinnerung von der Art und Weise aufzufinden, wie Sie das g bei Ihren Vorlesungen aussprechen; meine Aufmerksamkeit war auf diesen Gegenstand nicht so scharf gerichtet. Um den Antheil, den Sie unsrem Vereine hoffentlich schenken, zu unterhalten, berichte ich, daß derselbe den besten Fortgang hat, daß er bereits die Früchte hervorbringt, welche man bei seiner Jugend irgend erwarten darf. Es bildet sich eine edlere, freundliche Gesinnung unter den Künstlern, eine Art von künstlerischer Verbrüderung, ein Bewußtsein von gegenseitiger Abhängigkeit und Zusammengehörigkeit. Es ist eine lebhafte Anregung für alle Gegenstände der Kunst, ein Streben nach gemeinsamer Forthülfe, nach einer Einheit des Handelns entstanden, welche das Beste verspricht. Noch hat die freimüthige gegenseitige Beurtheilung der Darstellungen keinen Anlaß zu Empfindlichkeiten oder persönlichen üblem Vernehmen gegeben, im Gegentheile haben wir an uns Allen schon die großen Vortheile solcher offnen Besprechungen deutlich erfahren und somit hoffe ich, von diesem Vereine in der Zukunft für uns die schönste Wirkung zu erleben; ja, wenn unser Beispiel an allen größeren Bühnen Nachahmung findet, so könnte sich die dramatische Kunst dadurch überhaupt aus ihrem Kern heraus wiederbeleben. Mögen diese Hoffnungen Ihnen, verehrter Mann, auch allzu sanguinisch erscheinen, so werden Sie sie doch nicht schelten, da sie aus einer warmen, eifrigen Liebe für unsre Kunst hervorgehn.
Ich kann nicht schließen ohne die Gelegenheit wahrzunehmen, auch Ihren wohlwollenden Antheil für meine Person und mein künstlerisches Fortschreiten, durch einige Notizen anzufrischen. Seit einem Jahre etwa habe ich, wozu Sie mich längst aufgefordert, wichtige Rollen im Schauspiele übernommen und mein Studium besonders darauf gewendet. Die Darstellung des standhaften Prinzen, des Ludwig XIII. und des jungen Königs in: Die Schule des Lebens von Raupach, haben durch ihr Gelingen mir Vertrauen für die höchsten Aufgaben erworben und so will ich nun mit Freudigkeit auf dieser Bahn weiterstreben, auf welcher die Erinnerungen an jene Stunden, die ich in Ihrer Nähe gelebt, mir zur wichtigsten Förderung gedeihen. Raupach, dessen Zutrauen und lehrreicher Anregung ich sehr viel verdanke, könnte bei seiner Anwesenheit in Dresden, Ihnen von mir Ausführlicheres sagen, wenn es Ihr Interesse irgend erregen dürfte. Möchte es mein gutes Glück noch einmal fügen, daß ich vor Ihnen die Resultate meines Strebens darlegen könnte. Vielleicht schenken Sie doch noch Berlin den längst verheißenen Besuch, es würde mir zur süßesten Genugthuung gereichen, wenn Sie in meinen Darstellungen erkennten, daß meine innige Verehrung für Ihre Worte und Werke an meiner künstlerischen Richtung wesentlichen Antheil gehabt. Indem ich nun herzlich wünsche, daß meine Dreistigkeit: Sie mit einem so langen Briefe belästigt zu haben, Sie nicht von mir abwenden möge, bitte ich recht sehr, mich der Gräfin von Finkenstein und Ihrem ganzen liebenswürdigen Hause angelegentlich zu empfehlen und die Versicherung der innigsten Verehrung und Ergebenheit anzunehmen, welche ich für alle Zeiten für Sie hege.
Eduard Devrient.
II.
Berlin, d. 4. Novbr. 1835.