Sehr geehrter Herr Hofrath!

Seitdem wir im vergangenen Winter zu unsrer und unsrer Freunde größten Freude, in meinem Hause Ihr Rothkäppchen aufgeführt hatten, beschäftigte mich der Plan, eines Ihrer größeren Stücke für die Bühne zu gewinnen. Der Blaubart erschien mir zunächst dafür geeignet und ich habe mich nun fast ein Jahr lang damit umhergetragen: die Auskunftsmittel zu finden, welche nöthig wären, um, der Form nach, dies vortreffliche Gedicht der jetzigen Bühne anzueignen. Immermann hat mir indeß freilich den Vortritt in dieser Herzensangelegenheit genommen, aber seine Aufführung, über welche ich genaue Erkundigung eingezogen, hat mich noch mehr in meiner Ansicht von der Weise bestärkt, in welcher man zunächst das Stück dem heutigen Theater und Publikum anzubieten hätte. Nun habe ich meinen Versuch mit einer Einrichtung des Gedichtes gemacht, habe es Ihrem Freunde, dem Prof. v. Raumer vorgelegt, welcher mir das Zeugniß gegeben, daß durch meine Hand an dem Werke nichts verstümmelt worden, daß mein Zusammendrängen und Sammeln der Handlung nur an der Form verändert habe. So trete ich denn, beschirmt von diesem Zeugniße, vor Sie hin, verehrter Mann, und bitte um die Erlaubniß: Ihr Gedicht, mit meiner scenischen Einrichtung auf die Bühne bringen zu dürfen.

Nach langem Ueberlegen habe ich mich entschieden, Ihnen das Spezielle meiner Einrichtung nicht mitzutheilen, wenn Sie es anders nicht begehren. Billigen können Sie es schwerlich, denn Sie haben ja die Gestalt Ihres Gedichts anders gedacht, die Form, welche mir nothwendig erschien, kann Ihnen nie natürlich werden; warum sollte ich Sie also mit der Beurtheilung belästigen? Lassen Sie mich den Versuch auf meine Gefahr wagen, selbst sein Mißlingen kann ja dem Gedichte nicht schaden, das in 4 bis 5 Ausgaben längst ein Eigenthum Deutschlands geworden ist. Besser also, Sie haben gar keinen Antheil an seiner Erscheinung auf der Bühne, als daß ein Antheil des Mißlingens auf Sie geworfen werden dürfte. Diese Schuld trage ich dann allein. Wenn aber mein Unternehmen gelingt — und ich rechne zuversichtlich darauf — so ist der Erfolg natürlich der Ihrige und ich habe mir eine lebenslange stille Genugthuung bereitet.

Dies ist meine Ansicht von der Angelegenheit, ich wünsche nichts sehnlicher, als daß Sie darauf eingehen möchten. Daß ich mit ehrerbietiger Scheu und begeisterter Liebe an das Werk gegangen bin, daß ich jede Scene, jedes Wort auf das Bedenklichste abgewogen, ehe ich mich zu einer Verkürzung oder Umstaltung entschlossen und nur das an dem Gedichte geändert habe, was nothwendig sein Heimischwerden auf der heutigen Bühne gehindert hätte — davon sind Sie gewiß überzeugt, und wie ich dieses Zutrauens nicht unwerth zu sein glaube, hoffe ich auch, Sie werden Sich entschließen können, mir die erbetene Erlaubniß zu ertheilen.

In den nächsten Tagen habe ich dem Grafen Redern das Stück, wie es nun ist, vorzulesen, er ist sehr erwärmt für diese Unternehmung. Ich möchte nun schnell die nöthige Musik componiren und die anderweitigen Vorbereitungen treffen lassen, damit die Aufführung wo möglich schon im Anfange des neuen Jahres Statt finden könne. Fast alle Rollen werden bei uns gut zu besetzen sein, wo es am inneren Verständniß des Werkes fehlen sollte, wird sich nachhelfen lassen. Den Simon denke ich zu spielen, und trage ein sehnsüchtiges Verlangen nach der Lösung der Schwierigkeiten, welche diese Rolle bietet. Kurz mein Herz ist so ganz erfüllt von diesem Vorhaben, daß ich zuversichtlich hoffe, Gott werde ihm das Gedeihen und Sie Ihre Zustimmung nicht versagen.

Ganz der Ihrige

Eduard Devrient.

III.

Berlin 6/4. 38.

Hochgeehrter Herr Hofrath!