Wie lange ist es schon, daß ich Ihnen, hochverehrter Mann, schreiben wollte! Zuerst in der Freude meines Herzens über die reiche Erndte, die meine Saat auf dem von Ihnen urbar gemachten Felde mir eingetragen. Ich verschob es um immer reichere Resultate Ihnen vorlegen zu können und Ihnen zu beweisen, daß all Ihre üblen Prophezeihungen nicht eingetroffen seien. Dann kam eine andre Zeit, wo ich Ihnen schreiben wollte aus tief verletztem Herzen und Ihnen gestehen, daß Sie Recht gehabt mit Ihren Vorhersagungen, wo ich meine Ungläubigkeit rechtfertigen wollte, weil man gewisse Dinge nie glauben darf, bis man sie nicht erlebt, weil es edler ist unter ihrer Erfahrung zu erliegen, als ihre Möglichkeit im Voraus anzunehmen. Und doch, da ich Ihnen von den Verhältnißen hier nichts zu sagen wußte, was Sie nicht wußten, habe ich Ihnen den Ausdruck der ersten Bitterkeit erspart. Besser kann ich mir die Fortdauer Ihrer unschätzbaren Theilnahme verdienen, wenn ich Ihnen sage, daß die Erfahrungen, die ich hier gemacht, und die von keiner noch so schmerzlichen meines Lebens überwogen werden, dennoch den Werth der Resultate nicht verringern, die ich aus meiner Wirksamkeit gezogen. Ich habe mich überzeugt, daß die besten Pläne ausführbar sind, daß es weder an Kräften noch gutem Willen bei den Schauspielern, noch an bereitwilliger Empfänglichkeit im Publikum fehlt, um die deutsche Bühne auf die Höhe der Forderungen unsrer Zeit zu heben. Es ist eben nicht die Schuld unsrer Bühne, daß sie nicht mehr taugt; auch das ist ein Trost. — Habe ich mich in meiner Regieführung in That und Gesinnung als Ihren Jünger gefühlt und gezeigt, ja gerade um deswillen eine ehrenvolle Anfechtung erfahren, so hoffe ich sollen Sie mich in einer literarischen Arbeit Ihnen ebenso getreu erfinden, der ich mich jetzt mit allem Eifer hingegeben habe. Ich versuche mich an einer Entwicklungsgeschichte der deutschen Schauspielkunst. Wie oft bedaure ich aber dabei nicht in Ihrer Nähe zu sein! Von welcher Wichtigkeit müßten mir Ihr Rath, Ihre Andeutungen, Ihre Auskunft sein! Nun muß ich mir einsam forthelfen, finde hier auch nicht alles von Büchern, was mir nöthig wäre. Indessen steht mein Sinn so sehr auf diese Arbeit, daß ich nicht davon kann.

Eine andre Angelegenheit liegt mir noch am Herzen, es ist die Künstlerlaufbahn meiner Tochter, deren Neigung ich denn doch, nach langem heftigen Kampfe nachgegeben habe und an der Intensität ihres Talentes wohl erkenne, daß ich nicht anders durfte. Herr von Lüttichau hat sie angestellt und so soll sie unter meinen Augen ihre Schule machen.

Es ist eigenthümlich, daß das Mädchen an Ihren Gedichten die ersten bedeutenden Zeugen ihrer Fähigkeit gefunden. Als neunjähriges Kind erregte sie als Rothkäppchen unsre Aufmerksamkeit, in den Scenen des Blaubart, die wir vor unsrer Abreise von Berlin bei Lenne’s aufführten, erschien ihr Beruf schon unzweifelhaft. Gern möchte ich nun, daß sie an dieser Rolle sich bald öffentlich versuchte. Das Original aufzuführen, wie es in Berlin bei der mehr verbreiteten literarischen Bildung möglich war, scheint mir hier in Dresden nicht gerathen. Sie selbst, verehrter Mann, kennen ja das hiesige Publikum genug, um meine Bedenken zu theilen. Möchten Sie mir wohl erlauben, dem Gedichte die Form zu geben, die mir der Stimmung hier und den Kräften unsrer Bühne angemessen scheint? Sie billigten vor 3–4 Jahren die Bearbeitung, welche ich Ihnen vorlegte, wollen Sie mir gestatten in dieser Weise Herrn von Lüttichau die Aufführung vorzuschlagen? Ich würde dann Tauberts Musik benutzen, aber mit einigen Modificationen, denn mir scheint, daß er das Gedicht zu sehr eingeengt hat durch melodramatische Behandlung. Das würde ich mit ihm bereden. Sobald mit Ihrer Bewilligung mein Plan gelingt, dem Gedichte die populaire Wirkung zu sichern, die ich davon erwarte, so werde ich bei der ferneren Verbreitung die Bestimmung über die eingehenden Honorare Ihnen anheimstellen, wie ich es schon bei dem ersten thun werde.

Wollen Sie also, verehrter Mann, das Vertrauen erneuern, mit welchem Sie schon vor mehreren Jahren mir eine Einrichtung des Gedichtes übertrugen, so würden Sie mich ebenso hoch ehren als erfreuen und meine Tochter würde Ihnen eine der schönsten Gelegenheiten danken ihr Talent zu bilden. Ich bitte um einige Zeilen, die mir Ihre Willensmeinung kund thun und hoffe, daß Sie meine Bitte bald gewähren.

Meine Frau und Tochter empfehlen sich Ihnen auf das Angelegentlichste. Darf ich bitten die Frau Gräfin Vinkenstein an unsre hochachtungsvolle Ergebenheit zu erinnern?

Ihr gänzlich ergebener

Eduard Devrient.

IX.

Dresden d. 24t. März 1847.

Gern hätte ich Ihnen, mein innig verehrter Freund und Meister, von dem Gelingen meines Unternehmens mit Ihrem Blaubart gemeldet. Ich habe gezögert, weil ich einem Scheine von Hoffnung dafür traute, aber ich sehe nun wohl, ich muß den sehr liebgewordenen Plan fallen lassen. Man weicht meiner wiederholten Anregung aus, es ist auch Alles so anders geworden, daß einem Unternehmen, das sich vor dem Alltäglichen auszeichnet, wenig Gelingen zu prophezeien wäre. Ich habe mich und den Blaubart auf das zweite Gebiet zurückgezogen, welches ich als die Erbschaft Ihres Wirkens in Dresden mir angeeignet. Aus der von Ihnen eingeschlagenen dramaturgischen Bahn verdrängt, habe ich versucht Ihren Platz als Vorleser einzunehmen, so wenigstens, daß Ihr Gedächtniß bei Ihren Freunden und Anhängern durch mich immer wieder angefrischt werde. So habe ich denn in diesem Winter eine Reihe guter Stücke vor empfänglichen und reifen Zuhörern von einem Lesepulte aus in Scene gesetzt und dargestellt und zweimal den Blaubart zum Ergötzen und zu wahrhafter Erschütterung zahlreicher Zuhörer vorgetragen. Dieser Erfolg ist nun freilich nicht so umfassend als ein theatralischer, aber er ist sichrer und hat tiefer ergriffen. So habe ich die Genugthuung, daß Ihr Geist hier immer gegenwärtig wirkend fortlebt. Freilich ist er mir auch gerade jetzt unausgesetzter nahe als jemals. Die Geschichte der deutschen Schauspielkunst, welche ich zu bearbeiten unternommen habe, bringt, je weiter und tiefer ich forsche, alles was ich von Ihnen je über das Wesen unsrer Kunst vernommen habe, mir wieder frisch in die Gedanken und läßt so Vieles, was mir sonst Zweifel machte, zu völliger Ueberzeugung werden. Mit dem was Sie über die Entwicklung der deutschen Bühne hier und da in Ihren Werken ausgesprochen — leider ist es nur viel zu wenig für mein Bedürfniß — fühle ich mich immer mehr und mehr in Uebereinstimmung gerathen, so daß ich Ihre Anschauungen als die allerunfehlbarsten habe erkennen lernen. Ein Jeder, der gewissenhaft forscht, wird Ihre Ansichten als die einzig passenden Schlüssel erkennen, durch welche man zu der einfachsten und natürlichsten Erkenntniß der Dinge gelangt. Durch meine geschichtlichen Forschungen bin ich erst in vollständige Uebereinstimmung mit Ihnen gekommen, jetzt erst habe ich verstehen gelernt, was ich seit 1822 aus Ihrem Munde gehört. Es ist alles so wie Sie es gesagt haben und Keiner hat die Dinge mit so deutschem Herzen für die deutsche Kunst empfunden wie Sie. Ungeblendet von literarischen Glorien haben Sie immer dem Gedeihen der Kunst nachgefragt, Sie haben die Sache der deutschen Schauspielkunst im Herzen getragen, an die doch das Gedeihen des Theaters geknüpft ist, Sie haben auf nur gesunde und naturgemäße Entwicklung gedrungen. Jetzt wo ich die Ueberfülle des geschichtlichen Stoffes von den geistlichen Spielen an bis in die Göthe-Schillersche Schule zu Weimar durchgearbeitet habe, jetzt ist es mir klar geworden, wie ungeheuer Recht Sie mit so Vielem hatten, wovor ich oft gestutzt. Ich weiß, es freut Sie, daß mir die vollständige Erkenntniß davon aufgegangen und daß ich sie als meinen Dank Ihnen ausspreche, — darum halte ich nicht zurück. Ich hoffe Sie sollen mit meinem Buche nicht unzufrieden sein, denn wenn Sie auch viel daran vermissen werden, den guten Willen und getreuen Sinn für die Sache für welche ich arbeite, wird niemand besser würdigen können, als Sie.