Gries, Johann Dietrich.
Geboren am 7. Februar 1775 zu Hamburg, gestorben daselbst am 9. Februar 1842.
Seine Verdienste um wahrhafte, gefällige und deshalb doch nicht minder gründliche Verdeutschung großer italienischer und spanischer Poeten sind vielleicht nur ungenügend anerkannt worden. Wie leicht vergißt der Leser natürlich und wohltönend dahinfließender Strophen die ungeheuren Schwierigkeiten, welche sich dem deutschen Uebersetzer romanischer Sprachen entgegenstellen, während die englische bei solchen Bestrebungen ihre Stammverwandtschaft hilfreich bewährt! Gries hat ein langes Leben voll unermüdlichen Fleißes daran gesetzt, und der im ersten dieser Briefe citirte Ausspruch Solger’s: „er arbeitetet in seinem Beruf“ ist treffend. Tasso — Ariosto — Calderon — Boyardo u. a. sind dem Verständniß wie dem Gefühle unserer Nation durch ihn nahe gebracht worden, ohne daß letztere gerade besondere Erkenntlichkeit dem Spender so schöner Gaben bezeigt hätte! Sein Dasein war ein von Kränklichkeit bedrücktes. Selten fiel der Sonnenstrahl belebender Freude auf dies stille, jedem Hauch liebevollen Wohlwollens offene und empfängliche Gemüth. Die würdige, nur Großem und Schönen vertraute Frau Elise Campe-Hoffmann, hat auch ihm, wie mehreren ihrer verklärten vorangegangenen Freunde, eine biographische, psychologisch tiefe kleine Schrift gewidmet; — leider, gleich ihren übrigen ähnlichen Aufsätzen, als Manuskript für vertraute, gleichgesinnte Leser gedruckt.
Wir glauben noch erwähnen zu dürfen, daß Gries, trotz vieljähriger, hauptsächlich durch Taubheit bedingter, fast hypochondrischer Zurückgezogenheit, stets mit der Aussenwelt in geistigem Verkehre blieb, und daß er sich über manche Erscheinungen der Zeit in meisterlich versificirten, von Witz sprudelnden Epigrammen und Gelegenheitsscherzen auszusprechen liebte, deren Verlust sehr zu beklagen ist.
I.
Stuttgart, 1. Julius 1827.
Der angenehme Besuch, mit welchem Sie, mein verehrter Freund, mich vor zwei Jahren überraschten, hat mir so viel Freude gemacht, daß ich mir gleich vornahm, Ihnen auf irgend eine Weise meine Erkenntlichkeit zu bezeigen. Ich hatte kaum gehofft, daß Sie sich meiner und der Stunden, die wir in einer längst verschwundenen Zeit zusammen verlebten, noch erinnern würden; um so weniger, da andre Freunde aus jener mir unvergeßlichen Periode von meinem Vorhandenseyn schon lange keine Notiz mehr nehmen zu wollen scheinen. Desto mehr erfordert Ihr freundliches Andenken meinen Dank.
Hoffentlich werden die drei ersten Bändchen der umgearbeiteten Ariost-Uebersetzung, die der Verleger Ihnen zusenden sollte, schon längst in Ihren Händen seyn. Mögen Sie dieselben freundlich aufgenommen haben und sich dabei zuweilen eines Freundes erinnern, der Ihnen seit langer Zeit herzlich zugethan ist, der Ihnen so vielen, reichen Genuß verdankt. Alle Gaben, die Sie uns so reichlich gespendet, habe ich mir mit der größten Freude angeeignet, vor allen die herrlichen Novellen, und unter diesen wieder den unübertrefflichen Cevennen-Kampf, dessen Vollendung von so Vielen sehnlichst erwartet wird. Auch Ihren kritischen Bemühungen bin ich mit der größten Aufmerksamkeit gefolgt. Sollte Ihre Stimme auch für jetzt, wie die eines Predigers in der Wüste, zu verhallen scheinen: sie dringt dennoch durch und weckt in Manchem die Ahnung, ja die Erkenntniß des Besseren. Sie werden nicht ermüden, wie Lessing leider ermüdet; Sie sind ja der Einzige, auf den die deutsche Bühne die Hoffnung einer besseren Zeit zu gründen vermag.
Für eine andre Gabe bin ich Ihnen mehr als die Uebrigen verpflichtet; ich meine Solgers Briefwechsel. Die Freude an Ihren eigenen Briefen, die ich zu lesen und wieder zu lesen nicht müde werde, theile ich zwar mit Allen; aber in Solgers Briefen geht Einiges mich allein an. Die beifälligen Aeußerungen des trefflichen Mannes über meine Bestrebungen haben mich um so mehr erfreut, je unpartheiischer sie zu seyn scheinen; denn persönlich habe ich ihn leider wenig gekannt und bin nie in irgend einer Verbindung mit ihm gewesen. Das Eine Wort „er arbeitet in seinem Beruf“ hat mich schon oft ermuntert auf einer Laufbahn, die nicht zu den belohnendsten gehört. Wie sehr würde ich mich freuen, wenn ich wüßte, daß Sie, mein theurer Freund, diesem Ausspruche beistimmten!
Ob der neue Ariost Sie dazu veranlassen wird, weiß ich freilich nicht. Zwar wenn Fleiß und Sorgfalt allemal das Gelingen verbürgten, könnte ich wohl mit einiger Ruhe das Werk aus meinen Händen lassen; denn gewiß nicht weniger Mühe und kaum weniger Zeit, als auf die erste Uebersetzung, habe ich auf die Umarbeitung verwandt. Nur wenige Stanzen sind ganz unverändert geblieben, die meisten durchaus neu gearbeitet, die größere Zahl der übrigen hie und da ausgebessert. Allein indem ich diese Bände gedruckt vor mir sehe, fühle ich nur zu wohl, wie viel noch zur Vollendung fehlt, und ich darf nicht hoffen, auch nur das erreicht zu haben, was an meiner letzten Bearbeitung des befr. Jerusalem zu billigen seyn mag — die Aufgabe war freilich unweit schwieriger; denn Tasso’s gehaltener Ernst ließ sich in unsrer Sprache und in einem so gebundenen Versmaaße leichter nachbilden, als Ariosts immer wechselnde Laune. Dazu die strengen Gesetze, die ich mir vorgeschrieben habe; ich meine die durchgängige Reinheit der Reime und die Vermeidung des Hiats. Ich bin weit entfernt, von dem deutschen Original-Dichter die genaueste Beobachtung dieser Gesetze zu verlangen; allein der Uebersetzer kann, wie ich glaube, in Ansehung der Form nicht strenge genug seyn, da der Stoff ihm geschenkt wird.