Verehrtester Freund;

Mit den herzlichsten Wünschen zum neuen Jahre, sende ich im alten noch den wackern Bucher zurück, der mich und die Meinigen (katholischen) ebenso ergetzt als erstaunt hat durch die ungeheure Derbheit und Freiheit. — Zugleich bin ich so frei, Sie an Ihr gütiges Versprechen eines Beitrages zur Germania Bd. 6 zu erinnern (Bd. 5 habe ich Ihnen doch gebracht?). Wollten Sie mir das Musik-Heft mit den ersten gedruckten Liedern Wolfgangs durch Ueberbr. auf einige Tage anvertrauen, so würde ich die Lieder ausschreiben, welche Sie mit einer kleinen Vorrede begleiten wollten. Ich möchte gern, wie bisher, in jedem Bande Nibelungen und Göthe als Anfang und kein Ende haben. — Von ganzem Herzen

Der Ihrige

v. d. Hagen.

VIII.

Berlin, 1. Sept. 1844.

Verehrtester Freund;

Ich hatte von Tage zu Tage gehofft, Beikommendes selber zu überbringen, aber der naßkalte s. g. Sommer, der überall nicht nur die Schleusen des Himmels, sondern auch die Brunnen der Tiefe aufgethan, benimmt alle Lust, auszufliegen; und überdies hat eine dicke Backe mich fast 8 Tage im Zimmer gefangen. Ich wünsche, daß es Ihnen und der gnädigen Gräfin dort im Grünen recht wohl sein, und Ihnen zunächst das Göthesche Liederbuch in beider Gestalt gefallen mag. Verlangen Sie etwa eine Anzahl Abdrücke der besondern Ausgabe, so geben Sie mir einen Wink und ich besorge sie. Auch die übrigen Gaben der Germania wünschen Ihren Beifall. Meine Untersuchung der Quellen des Faust (die Sie doch gewis auch nicht in England suchen) hätte ich Ihnen gern vor dem Druck vorgelegt: aber die Vorlesung in der Akademie, und dann der Abdruck in Germania drängte: gewis hätten Sie aus Ihrer reichen Sammlung und noch reicheren Kunde, manches dazu freundlich mitgetheilt. Den Abdruck des Engl. Faustbuchs bei Thoms erfahre ich eben erst: es bestätigt aber wol meine Annahme, daß es eben, wie das Französische und Niederländische, aus dem älteren und kürzeren deutschen Buche (nicht Widmanns) hervorgegangen. Was sagen Sie zum Faust reimweise? daß er so ganz verschollen! —

Unser Reisende von Profession hat glücklich schon den Ohio! begrüßt, und den Niagara besungen, und ist auf der Heimkehr, der er sich sehr freut, und wir mit ihm. Offenbar ist Bruder Jonathan noch in den Flegeljahren; seine langen Beine reichen überall über den Kopf hinaus, und er spuckt scheuslich um sich als ein tabackwiederkäuender Vierfüßer. Die Weiber welken früh durch das harte Fleisch und heiße Maisbrot mit schmelzendem Fett, das sie verschlingen, und leben auf einem enormen Fuß. So lautet die letzte Schilderung des Antipoden, der sonst wohl Gefallen hat an Jemands Beinen, doch nicht an denen der Yankees. Ende October ist er wieder hier, und der Herbst wird uns Alle wieder traulich versammeln. Zuvor wünsche ich aber Ihnen, wie uns allen, noch einigen warmen Sonnenschein.

Mit herzlicher Verehrung