Halling, Karl.
Die rücksichtslose Energie des, mit dieser Namens-Unterschrift versehenen Briefes, macht uns höchst begierig etwas Näheres über die Leistungen eines Poeten zu erfahren, der Goethe’n so kurz und entschieden abfertigt; der mit den Unglücklichen, welche Goethe für einen Dichter zu halten, und von ihm günstig zu sprechen wagen, eben so wenig Umstände macht, als mit Schinkel und solch armen Leuten. — Es gelang unseren Nachforschungen, nur eines Büchleins habhaft zu werden, welches 1833 in „Fr. Heinr. Brothe’s Verlagshandlung (?) zu Breslau“, als erstes Bändchen, unter dem Titel: „Altdeutsche Schauspiele. Ihrer Schönheit wegen für die Bühne unserer Zeit bearbeitet von Karl Halling“ das Drama: „Fioretto“ enthält. Im Vorworte wünscht der Bearbeiter sich und dem Publikum Glück zu diesem aus tiefer Vergessenheit ins Leben gerufenen Funde! So etwas ist geeignet, beim Leser große Erwartungen zu wecken. Doch schon auf den ersten Seiten zeigte sich, daß dieser „Fioretto“ genannte Fund nichts anderes sey, als die aus Christian Weise’s keinesweges „vergessenem“ Zittauschen Schultheater entnommene: „Triumphirende Keuschheit!“ daß die „Bearbeitung“ in nichts weiter bestehe, als die Weglassung einiger allzuderben Ausdrücke! Solches Schauspiel für darstellbar auf öffentlichen Bühnen zu halten, setzt mindestens Ansichten voraus, die mit der Existenz des Theaters unverträglich sind.
Aus der H.’schen Vorrede ist zu entnehmen, daß jenes „glückhafte Schifflein“ welches er (siehe die erste Zeile des Briefes) an T. sendet, auf eine 1828 in Tübingen verlegte Edition sich bezieht, unter dem Titel: „Joh. Fischarts glückhaftes Schiff von Zürich; in treuem Abdruck erläutert, mit bevorwortendem Beitrage von Ludwig Uhland begleitet.“ —
Auch soll Herr H. in den Jahren 1833–35 sich in Breslau aufgehalten haben!
Berlin, am ersten Tage des Frühlings 1829.
Wohlgeborener Herr!
Innigst verehrter Herr!
Glücklich wird hoffentlich mein glückhaftes Schifflein in Ihre Hände gekommen sein, als Sie von Ihrer Reise durch die Schweiz zurückgekehrt. Mein Geist segelte mit ihm, den Mann zu begrüßen, der schon seit meinen frühesten Jahren mir mein Inneres abgewann, und ich beneidete oft mein Büchlein um den Gruß, war oft mismüthig auf meinen Reisen, daß mich mein Weg nie zu Ihnen führen wollte, Sie von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen, da ich außer Oesterreich so ziemlich ganz Deutschland und auch Sachsen durchwandert bin, aber leider in früheren Jahren nach Dresden kommen mußte, wo ich Ihnen aus Schüchternheit vorüberging.
Jetzt vergraben unter Büchern, scheint der Sonnenstrahl noch fern, welcher mich hervorrufen wird zu einer Wanderung nach Dresden, Sie zu begrüßen, und oft in Mußestunden erhoben und gestärkt durch Ihre herrlichen vaterländischen Werke, kann ich dem inneren Drange nicht widerstehen, der mit nothwendig macht, wenigstens schriftlich Ihnen, dem Manne, den ich von Tage zu Tage mehr bewundern lerne, näher zu treten.
Es wurde dieser Brief schon zu einem Gelübde an mich, als ich heimgekehrt zu Tübingen Ihren Sternbald wiederlas, der mich mit seligen Erinnerungen auf das Dürersfest nach Nürnberg, an das Grab unseres großen Meisters, vor sein Selbstgemälde, zurückzauberte, und dieses Gelübde löse ich jetzt.