Ich wollte Ihnen damals, innigst verehrter Herr, beikommende Gedichte zur gütigen Beurtheilung mittheilen, aber ich bin jetzt kühner, da mich kürzlich ein Freund aufgefodert, meine Gedichte einzeln in Zeitschriften erscheinen zu lassen, und zwar mit den Worten: „Glauben Sie mir, das Gute, Verdauliche muß wahren Heißhunger erregen bei denen, die sich an dem süßlichen Gesäure den Magen verdorben. Meinen Vorschlag nicht für ungut! (er kennt meinen Widerwillen gegen diese zeitliche Schriften) denn ganze Liedersammlungen wird man nicht mehr los.“ Ich bin jetzt kühner, da ich Ihre Ausgabe der Schriften Lenzens gelesen, die herrliche Einleitung bewundert, und die heute noch tauben Geschlechtern predigenden Worte mir tief ins Herz geschrieben habe.
Sie sagen daselbst, innigst verehrter Herr: „Ginge man mit demselben eifernden Glauben zur Sache (wie wir alle um das Alterthum kennen und schätzen zu lernen daran gehen müssen) um unsere Zeit, unser Vaterland, Eigenthümliches, und das Ehrwürdige unserer Geschichte und des neuen Lebens kennen zu lernen, so würde sich eine Gesellschaft von ächten Patrioten bilden, die wohl einen Gegensatz zur Secte jener früheren Philologen (auch wohl noch der heutigen) machen könnte!“ — Wollte Gott!
Ich ward kühner durch dieses Wort, kühn genug Ihnen, innigst verehrter Herr, diese meine ersten dichterischen Versuche zu übersenden, mit der Bitte um ein streng richtendes Urtheil, und sollte es so günstig ausfallen, mit der Bitte um ein Vorwort.
Keimt nicht in der Brust jedes Jünglings der Wunsch, nicht spurlos der Welt vorübergehen? Ist nicht Mittheilung das erste Bedürfniß der jugendlichen Brust? Reicht man nicht manchem — unbekannten Bettler eine milde Gabe von seiner reichbesetzten Tafel? Ist nicht mancher schwache Arm stark unter Leitung eines weisen Führers, und ich daher vielleicht würdig unter Ihrer Fahne zu kämpfen, einzutreten in die heiligen Reihen jener Patrioten, die für Vaterland und deutsche Kunst leben und sterben wollen? wenigstens mich unter ihr dazu zu bilden?
Tollkühnheit und halben Wahnsinn möchte Mancher, der nie Wünsche und Regungen einer jugendlich stürmischen Seele kennen lernte, aus diesem Briefe erlesen, Sie nicht, innigst verehrter Herr, der Dichter nicht.
Vor drei bis vier Jahren schon hatte mein dermaliger Lehrer, Franz Horn, fast alle diese beigelegten Gedichte drucken zu lassen mir erlaubt, aber ich fühlte damals, was ich später erkannt: daß unsere Kunst heute kein Vaterland hat, darum war mein Entschluß, nicht eine Zeile eher drucken zu lassen, als bis ich der Welt das Vaterland meiner Lieder gezeigt, und bis heute habe ich es gehalten. Nur Hr. G. Schwab hat ohne mein Wissen das Lied „Wenn sie lächelte“ (Morgbl. 13. Febr. 1828) abdrucken lassen. Seither wie früher wiegten mich jene süße Zeit der Minne, jenes starke Heldenalter, jene wundervolle Mährchenwelt in selige Träume, Luther weckte mich, Hutten zeigte mir die Wunden meiner Jugendseele, Fischart heilte meinen Trübsinn: deutscher Himmel, Dürer und deutsches Volkslied waren meine Bildner, Göthe der Zügel wilder Fantasien, Shakespeare der Zauberspiegel der schönen Natur, wird so nichts aus mir — das fühle ich — so liegt es an meiner Kraft, nicht an meinem Willen.
Aber erproben muß jeder Jüngling seine Kraft, denn ohne Selbstvertrauen giebt es keinen Künstler und keine Kunst, und darum mit Hutten, ich habs gewagt! — —
Ich lege Ihnen zugleich, innigst verehrter Herr, zwei andere Kinder bei, die in der Zeit der Sehnsucht, die blaue Ferne des lieben deutschen Vaterlandes zu erschauen, entstanden sind. Sie mögen Ihnen meine Ansicht bewähren, mit der ich meine größeren Wanderungen antrat, und diese Ansichten reiften mehr und mehr bei mir. Ich sah die Weihequelle deutschen Gesanges, und die übrigen deutschen Blüthenländer, und es ward mir klarer, wie ein Dichter, der nicht im Geiste seines Volkes dichtet, kein wahrer Dichter sein kann. Wo ich hinüberschaute über die Gränze, hinter der unsere deutsche Sprache verhallt, fand ich eine andere Luft wehn. Ich vernahm, wie unser deutsches Land in allen Gegenden einen Grundcharakter hat, des Traulichernsten, der sich nirgends verleugnen kann, vernahm, daß unser deutsches Land das Gemüth Europas, das Herz Europas ist, und im Herzen erwacht die Kunst. Weil Europas Haupt mit dem ewig winterlichen greisen Silberhaare des Nordens umziert ist, weil sein Fuß zu leichtbeschwingt nach den Blüthenmelodien seines Himmels gaukelnd tanzt, darum muß im ewig reifen und ewig jugendlichen Herzen die höchste Kunst entkeimen und erblühen können, und zwar die romantische Kunst, die vom Fuße den reicher duftenden Blüthenstaub schütteln muß, um den Blick ernster, freier zu den Sternen zu schwingen. Shakespeare hätte in Italien nicht Shakespeare sein können.
Verschieden aber einstimmig zum schönsten Einklange stellen sich die deutschen Lande in ihrem Charakter dar, und können doch nur verschiedene Töne den Einklang bilden! Der Naturcharakter schafft den in ihm athmenden menschlichen, er ist der Erzeuger desselben, des eigenthümlichen Volkscharakters, Volksgeistes, und wie dieser der Einklang der einzelnen Seelen des Volkes, so ist jener Naturcharakter auch mehr im Einklange als in seinen einzelnen Tönen wahrnehmbar, und daher die Aehnlichkeit beider, daher muß jeder wahre Künstler ein Priester seines Volkes sein, seines Himmels, muß im Geiste seines Volkes dichten, wenn er bei der ewigen Meisterin des Schönen, der Natur, wie Shakespeare in die Schule gegangen. Wer das nicht kann, hat wahrlich nicht in ihr die weite empfängliche Knabenseele mit schönen Keimen gefüllt, um sie als Jüngling oder Mann erblühen zu lassen, auszuhauchen, sondern er hat wie drei Jahrhunderte Deutschlands mit dem Siebe der Danaiden Wasser geschöpft, und wußte es nicht, oder ist wie Göthe auf dem rechten Pfade ermüdet. (!) Warum ist der Baier nicht Schwabe, der Preuße nicht Rheinländer, und doch sind alle Deutsche? Man besteige in München den Frauenthurm, in Schwaben den Hohenstaufen und die Waldburg am Bodensee, den Niederwald bei Bingen, den Marienthurm in Berlin, die Koppe in Schlesien, schaue hinaus in die blaue Ferne, und man wird das Räthsel gelöst finden. Wie seine Sprache so muß der Geist anders tönen, aber immer ein Deutscher. Wer Griechenland nie sah, nie das Hochland der Schotten, nie die Wiege der Eddalieder und der Nibelungen, wird diese, den Ossian, den Homer, nur halb bewundern, geschweige in ihrem Tone dichten, aber dennoch, fehlten alle örtlichen Beziehungen in jenen Werken, würde man jeden Gesang in seinem Vaterlande suchen. Und weßhalb? deßhalb, weil jene ersten Sänger nur den Einklang ihrer Mutter Natur zu Meistern hatten. Hätte Deutschland nichts von Rom und Griechenland, von seinem Himmel, seinen Blüthen gewußt, wäre der Pfaffenschwindel nicht einst Meister geworden des deutschen — Gemüthes, hätten wir die ersten uns übrigen Stimmen seines Gesanges, seiner Malerei, die Natur im Blicke weiter gesungen, weiter gebildet, es sollte heute die Welt diesen Künsten wie unserer Musik huldigen. Der Form und alter Ueberbleibsel entbehrend, konnte sie weniger nachäffen, und darum reifte Mozart in unserem Vaterlande. Heut zu Tage zwingt sie sich dazu, und darum fällt sie von ihrem Gipfel. Wenn unsere Maler den reinen Spiegel der entkeimenden Knabenseele an Italienischen Fluren und Gemälden nährten und färbten, möchte es ihnen vielleicht gelingen, und doch nur vielleicht, Raphael zu copiren (weiter wollen sie nichts); die schon begehrende mannbare Jünglingsseele (wie die Sternbalds) verliert sein züchtiges Vaterland aus den Augen vor den üppigen Hüften, vor dem schwellenden Busen Italiens, und mit ihm die jugendliche Weihe zum Künstler. Kaum erträgliche Zeichner und Kopisten, die Italien umschlingen möchten, Deutschland nicht lassen können, solche Halbheiten, solche Zwittergestalten sendet uns Italien zurück, und das Modegeschlecht unserer heutigen Welt läßt sich kitzeln durch das tanzende Farbenspiel, da es selbst nur ein halbes Geschlecht ist. Sternbald könnte vielleicht noch gerettet werden, weil er das Traumbild seiner Einbildungskraft in Rom selbst findet, weil das seine lüsterne Seele in vorige Schranken bringen kann, und es ihm unter deutschen Blüthen entkeimte. Göthe ward der Meister des deutschen Herzens selbst in der verbildetsten Zeit, Gemeingut des deutschen Volkes bis er nach Italien ging. Bis dahin war der deutsche Himmel der Hintergrund seiner Gemälde, und der verbildetste Mensch kann da, wo es Mode gestattet, die Mutterbrust seines Vaterlandes, die ihn wachsen ließ, nicht lieblos von sich weisen. Seit er zurückgekehrt aus Italien findet man seine Schriften nur im Zimmer der panartigen Gelehrten im Golde des Herzens gebunden, und das wird ihr Loos sein bis an der Welt Ende. Mozarts Opern, und Shakespears Schauspiele haben stets ein volles Haus, Zuhörer und Bewunderer vom Berliner Lampenputzer bis zur Krone hinauf. Das ist das größte Lob eines Kunstwerks. Shakespeare ist ganz Britte, und darum ein den Deutschen verwandter Geist, darum die Sonne, die allen künstlerischen Gestirnen Licht geben soll. Eine Gemeinbildung der Kunst wird es erst dann geben, wenn es keine Natur mehr giebt.