Mit solchen Gedanken wanderte ich, kehrte ich heim, besuchte Franz Horn und sprach ihm eines Abends in einer Damengesellschaft meine Ansicht aus, da der Lauf des Gespräches uns darauf führte. Mein obiges Wort über Göthe war ihm Ketzerei, und ohne ein Wort zur Widerlegung, gebot mich seine Autorität zur Ruhe, meine falsche Ansicht einzusehen. Ich ihres Schwertes entwöhnt entgegnete, freilich mit einem zu rauhen Studentenausdrucke, der als solcher nicht so gewichtig sein konnte: es sei doch unleugbar in der neuesten Ausgabe seiner Schriften erbärmliches Zeug enthalten. Horn donnerte: „wie können Sie sich unterstehen mir das Wort auszusprechen!“ Ich sagte kalt: „man kann nie willkürlich jemandem seinen Verstand unterordnen.“ Er fühlte sich getroffen und schwieg. Seine Frau Gemahlin nahm auf meine Antwort jetzt sehr unzeitig das Wort und sagte: „dann sind sie nicht Horns Schüler, dann sollten sie Horns Kreis meiden.“ Ich ging, er ließ mich gehen, und ich freue mich heute, daß der Nebel, in den Dankbarkeit mir den Mann hüllte, fallen durfte, um mich noch früh genug über die geistige Größe des Mannes belehren zu lassen.

Hier habe ich Ihnen, innigst verehrter Herr, die Hauptcharakterzüge unserer Berlinischen Kritik über Kunst gegeben. Wen nun nicht Göthe entweder durch Misverständniß seiner Schriften fesselt, oder wie Horn, durch zugesendete Exemplare zu geistigen Sclaven macht (wirklich empfing Horn 1825 ein Exemplar des neu aufgelegten Werther zum Andenken) den macht heuer Hegel kopfverdreht theils durch den Dunstkreis seiner philosophischen Terminationsausdrücke, theils durch manche wirklich vortreffliche Ansichten, die aber wiederum einseitig und starkgläubig an Göthes späterer Richtung (nach der Mittagstunde) kleben, und um, wie es scheint, in diesem Halbjahre ganz Berlin mit Sturm für Göthe zu erobern, las er (Göthische) Philosophie der Kunst, und ein milchbärtiger Schüler von ihm, Herr Dr. Hotho, ein publicum direct über Göthe, und hatte ungefähr ein Auditorium von 400 Personen. Da ist denn auch, innigst verehrter Herr, Ihre Einleitung zum Lenz übel weggekommen, doch war sein Urtheil milchbärtig wie sein Kinn. Junge Leute pflegen nur zu vergöttern oder zu verdammen, und geht es mir selbst vielleicht doch manchmal so. Aber schlimm ist es, schlimm fürwahr! Denn zehn Sperlinge überschreien doch wohl eine Nachtigall. Wer nicht Göthe vergöttert, weil es einmal hergebracht, sondern ruhig bei sich denkt, was hätte dieser große Mann durch sein Genie seinem Volke werden können, seinem Vaterlande, seiner Kunst ohne Wanken nützen können, wer nicht wie Hegel und Hotho unsere alten heiligen Gesänge verdammt, kommt in den Verdacht, so wenig jenen als diese verstanden zu haben, und davor hütet sich die eitle Welt. Viel gelehrte Worte, wenn auch nur ein Gänsehirnchen dahinter, thut nichts! Der große Schnabel muß alles verdecken.

So sind unsere Maler, nicht viel besser unsere Bildner, aber am abgeschmacktesten der vom Olymp selber stammende Baumeister Schinkel. Wenn der gute Mann von der ganzen Griechischen Kunst mehr weiß, als wie ungefähr jonische Säulen mögen ausgesehen haben, so laß ich Kopf und Kragen. Und dieser Verkleisterer des Schönen schwingt sich auf den Fittigen des Ruhmes durch alle Lande! Was ist dieses Würmchen gegen die Meister des Domes zu Köln, der Kirche zu Oppenheim, des Münsters zu Straßburg, und ihre Namen sind fast vergessen! was ist diese Säulenflickerei gegen jene Werke, dieser Säulenfabrikant gegen jene Meister? Mein Gefühl beim Schauen dieser Riesenwerke spricht Sternbald aus. Darum kein Wort als „Heil uns Deutschen,“ denn nur ein deutscher Geist vermochte sie zu ersinnen, zu erschaffen, vermochte Millionen Töne, jeder würdig das Leben eines Künstlers auszufüllen, zu einer, einer großen Himmelsharmonie zusammen zu stimmen. Nur ein Deutscher vermochte es, weil unsere heidnischen Väter durch die Natur gedrungen, in ihrer Religion schon Himmel und Erde versöhnten; denn in ihren heiligen Hainen rauschte und wehte der ernste Gott, wie später in den Münstern des Mittelalters.

Zurück zu Schinkel. Weil man nie ein Wohnhaus in deutschem Style sah, da jede Stadt selbst wehrhaft den Raum sparen mußte, in jedem Kriege ein kostbares Werk der Zerstörung Preis gegeben sah, glaubt dieses Baumeister-Gewürm, nur Kirchen gezieme der Styl (gothischer genannt), hält diesen auch wohl noch für katholisch, erzkatholisch, und drum heute unbrauchbar, und denkt nicht an das Capital der Säule im Münster zu Straßburg, was den freieren Geist des gewaltigen Erwin von Steinbach aussprach, von ihm gleichsam zum Verständniß des ganzen Werkes, ein kräftiges Epigramm auf die Pfaffen seiner Zeit, hingestellt war. Heute ist es zerstört, da Fischart den Sinn des Meisters vor das Auge der großen Welt führte, aber es war doch da. Wer ein solches Werk schaffen konnte, mußte Gott anbeten im Geist und in der Wahrheit. Sollte diese Bauart von einem — denkenden Künstler auf weltliche Bauwerke nicht anzuwenden sein, da in unsere Eichenhaine doch auch der freundliche Sonnenstrahl dringt, und jedes Blatt den Fuß zu heiterem Tanze schwingt? Ist das nicht möglich, so ist jene Gothisch genannte Baukunst auch keine deutsche, und paßt nicht zu unserem Himmel. Lernten doch unsere Künstler erst selber denken, dann ginge alles und würde alles gut!

Weil wir in einem militärischen Staate leben, so scheint es, glaubt der große Schinkel auch seine Kunst der militärischen Disciplin überantworten zu müssen. Denn um an seinem Museum die Kahlheit des oberen Gesimses zu verbergen, setzt er auf die Vorderseite eine Reihe Adler hin, die in Reihe und Glied, Augen rechts, Augen links, wie die Soldaten im Lustgarten aufgepflanzt stehen, und aus ihrer dreijährigen Militärischen Dienstzeit was profitirt zu haben scheinen. Hätte er ihnen nur Patrontaschen, Säbel und Gewehre umgehängt, dann wären dieses Creaturen doch für polnische Rekruten als Vorbild brauchbar. Das ist Schinkels griechische Kunst!!! Ich wollte im Herbst schon einmal in hiesigen Zeitungen wohlthätige Beiträge sammeln, um den armen nackten Wesen oben auf dem Museum bei hereinbrechendem Winter Hosen und Wams machen zu lassen, damit sie nicht erfrören oder sich erkälteten in unserem Klima. Denn wahrlich es friert einen, wenn man sie anschaut, wie sie sich mit ihren Rossen tummeln möchten und doch nicht können. Unsere Väter fühlten unser Klima und stellten ihre Figuren immer unter ein kleines Dach von Verzierungen.

Unser Theater giebt meistens aus dem Französischen übersetztes schales Zeug, oder Opern wie Spontinis, wo alle Mittel ersonnen werden, dem Hörer (nicht durch Musik) die Ohren zu stopfen, so daß eine ehrbare hiesige Bürgerfrau, die aus einer der Opern kommend, den Tambour gegenüber trommeln hört, ausruft: „Gott sei Dank, doch einmal wieder vernünftige Musik.“ — Der Don Juan ist über ein Vierteljahr nicht gegeben worden. — Nur Devrient ergötzt mich manchmal in Shakespearschen Rollen, für die er geboren ist, wie die Rollen für ihn.

In Gesellschaften darf man von solchen meinen Ansichten nicht eine Silbe fallen lassen. Rings um mich her kein Freund, der dächte wie ich, oder den Hegel nicht abwendig machte, und doch ist Mittheilung das erste Bedürfniß der menschlichen Natur. Da sitze ich nun vergraben unter meinen Büchern, und suche und finde nur Freude und Stärkung in Ihren und Herrn von Schleges (?) Schriften. Aber die Quelle braucht ein Bette um zu strömen, der Gedanke das Wort. Was Wunder! wenn meine jugendliche Brust die hemmenden Felsen wogend zerschmettert, die meiner Kühnheit drohn, mich fern halten von Ihnen. Sollten Sie um deswillen nicht Nachsicht mit mir haben? Gewiß! Sie haben den Sternbald geschrieben. Und muß sich doch heute jeder junge Autor gleich beim ersten Auftreten zu einer Partei bekennen, wenn er nicht gleich von den orthodoxen, starkgläubigen aber schwachverständigen Göthianern als Spion an den ersten besten Baum aufgeknüpft werden will, oder sich von ihren zahnlosen Gebissen (nicht zerfleischen) aber angnurren, und wacker zausen lassen mag, daß ihm Hören und Sehen dabei vergeht.

Und unter solchen widrigen Gestirnen soll und muß sich meine Seele in einem größeren Dichtwerke ergießen, das nach vier Lehr- und Wanderjahren endlich gereift, muß sich ergießen, da mir die Seele überhoch angeschwollen. Und dieses Werk, das beinah fertig, und von meinen Bekannten trotz ihrer abweichenden Ansichten von Kunst zu meiner großen Freude doch einstimmig gelobt wird (ich habe noch kein Urtheil über dasselbe) dieses Werk möchte ich mit meinen Gedichten gern anmelden, wenn diese nämlich ganz reif sein sollten.

Wie würde mich daher ein verzeihendes Wörtchen aus Ihrem Munde, meine Kühnheit milde richtend, in meiner Einsamkeit emporrichten! wie vollends erquicken, wenn diese Lieder, trübe Klänge aus meinem Jugendleben, in ihm einiges Lob erhielten, wie beseligen, wenn sie würdig wären mit Ihrem weihenden segnenden Vorworte (der milden Gabe an einen unbekannten Bettler) schön bekränzt in die Welt zu treten! Jede jugendliche Brust wogt heute auf in mächtigem Selbstvertauen, und füllt sich morgen mit Strömen von Unmuth, von Zweifeln an seiner Kraft, Misfallen an seinen Erstlingen, bis sie einen Stab fand ruhigeren Schrittes zu wandern, und so die meine. Drum kann ich nur mit wenigen Blättern hervortreten, obwohl junge Autoren gern starke Bücher schreiben. Ich muß es daher (um nicht zu wenig jung zu erscheinen) durch weitläuftigen Druck und starkes Papier er erzwingen suchen. So würden sie ja wohl ein Bändchen füllen.

In der That fehlte oft nicht viel, ich hätte die meisten der Lieder, unwürdig ihres Gegenstandes, zerstört, nur seit Herr Prof. Gustav Schwab das erwähnte Lied hat drucken lassen, und zwar mit lobendem Motto, gewann ich dauernderes Vertrauen.