Hermann.

II.

Breslau, d. 9ten März 1817.

Wohlgeborener Herr,
Hochzuverehrender Herr Doctor!

Ihr gütiges Schreiben vom 4. d. hätte mich wohl sehr betrüben können, wenn es am Schluße nicht einige tröstliche und freundliche Ermahnungen enthielte, die wieder mein Vertrauen zu Ihnen erwecken und beleben. Wenn ich die hier und da in Ihrem Briefe zerstreuten Andeutungen zusammenstelle, sprechen Sie nicht leise und schonend Ihr Urtheil über den gänzlichen Fehlgriff meines Versuches aus? — Indessen bin ich Ihnen für die Freimüthigkeit Ihrer Aeußerungen um so mehr vebunden, da sie einestheils mir ein Beweis sind, daß Sie dennoch den mißlungenen Versuch einer näheren Beurtheilung nicht ganz unwürdig fanden, theils aber auch meine dunkeln Zweifel mehr noch rege machten, und mich auf den Standpunkt eines jetzt freieren Ueberschauens sezten.

Doch Sie erlauben mir Einiges hier nieder zu schreiben, nicht um Ihre Gründe und Ansichten, die auch beinah ganz die meinigen sind, zu bestreiten — nein! ich will Ihnen nur herzlich mittheilen, was Sie auch als ein Sündenbekenntnis an- und aufnehmen mögen. — Im Mai v. J., als ich mich, frei von aller Weltverbindung, mit heißem Eifer zu den Musen hinwandte, las ich das erste Mal die Nibelungen mit ganz freiem Gemüth, und so begeistert und unfreiwillig ergriffen sann ich nicht lange hin und her, und nur zu rasch war der Plan — oder vielmehr nur ein Umriß eines Planes in einigen Stunden entworfen, die erste Szene noch an demselben Tage und das Ganze in noch nicht vollen 6 Wochen gefertigt. Rastlos war ich beschäftigt, mußte mir die Kenntnis der verwandten Sagen doch auch verschaffen. — Dies und das Lastende des überwältigenden Stoffes drückte mich nieder, nicht frei beherrschte ich die ganze Idee, sondern ließ so mich von ihr beherrschen. Nur meine unwandelbare Liebe für die Herrlichkeit der Fabel konnte mich bei all den unsäglichen Schwierigkeiten, mit denen ich zu kämpfen hatte, ermuthigen. Hiezu kam auch noch, daß die verworrene Idee der Gestaltung des Ganzen gegen den Schluß hin immer mehr sich aufklärte, — aber ich war zu weit vorgeschritten — alles hätt’ ich über den Haufen werfen müssen — und nun — wie und was dagegen aufstellen? — Dies war ein peinigender Gedanke und in ihm ging nun vollends die Freiheit meines Gemüths unter.

Und wie ich denn das Ganze gefertiget hatte, sah ich wohl hier und da manche Gebrechlichkeit — aber doch ward es mir nicht klar, wie ich den Stoff in theatralischer Beschränkung anders wenden und handhaben sollte. Dies Eine hielt ich immer fest im Auge — nehmlich die stäte Hinsicht auf die theatralische Darstellung, die mich freilich sehr beschränkte, und die ich nach Ihrem Winke, um das Ganze mit größeren und freieren Formen zu umschließen, hätte aufgeben sollen. Aber ich weiß nicht, ob ich mich täusche, wenn ich glaube, daß durch zu weite Ausdehnung die drastische Kraft des Drama’s wohl erschlaffen dürfte, die in gegebenen Grenzen sicherer und schöner sich bewegt. Auf der Bühne tritt das Drama eigentlich wieder in’s Leben — ja wird da erst zum Leben. Wohl weiß ich es, welche Forderungen das schaulustige Publikum an seine Dichter macht. Deßhalb haben Sie und Göthe sich von der Bühnendichtung zurückgezogen, aber wie mich däucht mit Unrecht. Sie würden eine Nazional-Bühne haben schaffen können, wenn Sie nur wollten. Sind nicht die griechischen Dramen selbst aus der ersten Epoche, sind nicht fast alle des Shakspear’s und Calderon’s für die Bühne gedichtet?

Im Liede war die Katastrophe gegeben und gewiß mit einer Tiefe des Gemüths wie sonst nirgends in einer der verwandten Sagen — konnte ich mich hier wie überhaupt bei der ganzen Fabel so frei und mit unbeschränkter Willkür fassen, wie etwa Shakspear es mit einer Novelle that? — Ich glaube, die Würde der Sage, ein heiliges unverletzliches Erbe der Nazion, ließ es nicht zu. — Und nun war der Catastrophe so viel vorausgegangen, was ich damals für Pflicht hielt in Erzählungen (mithin episch) einzuflechten — den fürchterlichen blutigen Ausgang mußt’ ich hinter der Szene halten, und so trat denn natürlich die Wechselwirkung zwischen Drama und Epos wieder ein. Aber eben weil das schreckbare Grausen hinter dem Vorhange schwebt, ergreift es nicht minder unser Gemüth, und wird es nicht mehr zu einer Luftspiegelung in duftiger Ferne? — Wenn auch in den ersten 2 Akten meines Trauerspiels weniger äußere Handlung ist, als in den folgenden, so habe ich dagegen eine ruhigere Entwickelung der Karaktere beabsichtigt. — Der Strom schwillt allmählig an, und bricht überwallend und durchreißend erst später die Ufer, und dieses ruhige Fortschreiten neigt sich denn zum Epischen hin, und da war es, wo vielleicht das Urbild zu kräftig in mich herüber wirkte.

Die Mannigfaltigkeit der äußeren Form mit Hinsicht auf Sprache hat nicht Ihren Beifall. Aber darf sich denn nicht ein romantischer Stoff in reichen bunten Formen bewegen? Und haben nicht die altgriechischen Urtypen eine Ueberfülle von Mannigfaltigkeit und Abwechselung? Was soll ich von Calderon, Shakspeare in den romantischen Dramen, von Göthe im Faust, von Schiller in der Braut sagen? Und ist nicht diese Fülle auch Ihnen, freilich in einem reineren plastischen Ebenmaße, eigen? — Der Nibelungen-Vers soll schleppend sein? Da er den streng beobachteten gleitenden Abschnitt hat, und so gewißermaßen in 2 Hälften zerfällt, so hat er wohl in sich schon Abwechselung genug, ohne das Ohr zu ermüden. Ich habe mich seiner selten, und nur da bedient, wo ein ruhiger Gang der Handlung eintritt. — Einige Alexandriner sind unter die Trimeter eingeschlichen, und werden, schon lang wie Schlachtschöpfe roth bezeichnet, ausgeprakt werden. In dem antithesischen Dialog hab ich sie mit Willen beibehalten, was Sie auch billigen werden. — Aber auch meine Lieder (Romanzen) sollen aus der neuen Zeit herüberklingen? Die eine — das Riesenweib — ist im altnordischen Stil, wenn auch freie Dichtung; die zweite — Siegfrieds Tod — nach der bekannten Sage; die dritte — Wolfdieterich mit den Geister-Recken kämpfend — nach dem Heldenbuche gefaßt. Ein hiesiger Dramaturg und dann auch ein gewißer Kunstrichter machten mir bittere Vorwürfe, daß ich auch diese Lieder in veraltete Formen gebracht hätte. — Diese Lieder können Sie doch nicht meinen. Aber keine anderen giebt’s nicht in diesem Trauerspiele.

Ueber die Zeichnung der Charaktere, und vorzüglich über mein Herzenskind Dietlinde, die ich mit vielem Bestreben rein und im Gegensatze zu Chriemhilden, durchzuführen gedachte, sowie über Hagen, Volker und Attila, der gewiß schwer zu fassen war, beliebten Sie auch gar nichts zu erinnern.