I.
Dresden, d. 30. März 1842.
Hochgeehrter Herr Hofrath!
Es muß befremden, wenn ein ganz unbekannter junger Mensch ohne irgend welche Empfehlung es wagt, sich schüchtern Ihnen zu nahen, und vielleicht läßt sich diese Kühnheit nur durch die tiefe Begeisterung rechtfertigen, die ihn fast wider Willen zu Ihnen getrieben. Findet doch auch der Dürftige ein Gehör beim Reichen und blickt doch der einsame Wanderer viel sehnender nach der Sonne als tausend Andere; lacht sie doch Allen gleich; nur freilich in dem Einen blos behagliche Wärme, in dem Andern glühende Kraft weckend! Gewiß Sie grollen mir nicht! Ihre Werke haben mich zu sehr entzückt, und trotz aller Demüthigung so erhoben und begeistert, daß ich Dresden nicht verlassen kann, ohne Ihnen, wäre es nur einmal, die liebe wunderspendende Hand gedrückt zu haben! Aufzuweisen habe ich nichts, als ein warmes für Poesie und deren gegenwärtigen Choryphaen glühendes Herz! Ahnen und Empfehlungsbriefe verlangt nur der Alltagstroß. Ich stehe nach vielen Kämpfen auf einer Bahn, die ich trotz aller Schwäche nie verlassen werde. Zwei Jahre studierte ich Jura — es war unmöglich — lieber einen Trunk Wasser in den Wonnegärten der Poesie, als Weinschläuche und Goldkisten im dürren Sand! Unter Stürmen gedeiht keine zarte Blume. Gedichte in Masse — Entwürfe, aber nichts Ganzes! Fester Wille wühlt erst das Bett dem Strom, auf dem dann leicht und tönend die Wellen hüpfen! Aus tiefster Einsamkeit nahe ich Ihnen, vielleicht daß Sie mir später wehrend oder ermunternd ein Wort von Ihnen gönnen! Ich fühle ganz meine Kühnheit — doch der Jüngling ist einmal kühn! Veröffentlicht habe ich noch nichts, werde es auch sicher sehr spät thun — doch der Strebende lauscht in der Einsamkeit nach dem Himmel — ein Gottesurtheil zu hören! Ein Wort von Ihnen wiegt Millionen Andrer Worte auf! Bei mir habe ich leider gar nichts. Vor der Hand studiere ich in Leipzig, sehne mich aber fort — meine Umstände sind nicht schlecht — Musik allein kann mich einstweilen ernähren, wenn die Poesie durch Sie mich noch jetzt aus ihrem Tempel weist — bürgerliche Verhältnisse widern mich an — frei und ungebunden — oder todt! Gegen Leichtsinn schützen Erfahrungen und frühe Krankheit. — Literarische Bekanntschaften habe ich gar nicht. Bin zum Mitsprechen noch zu jung, zum Journalklimpern zu alt, was doch mehr Eitelkeit als wahres Streben verräth. Ich studiere Philosophie und wünschte später die Bühne zur Bühne. Schwache Versuche dazu wage ich noch nicht, Ihnen zu zeigen. Vor ganz kurzer Zeit war ich Zeuge des vielleicht schönsten aller Feste, des 80. Geburtstags eines edlen rüstigen Greises im Kreise seiner Enkel. Jeder Enkel wollte etwas bringen, die Kräfte sind sehr schwach — viele Rücksichten — ein Kunstwerk kann da nicht werden. Doch da ich dies Einzige bei mir habe, so erlaube ich dies prosaische Heftchen beizulegen. Darf ich es Freitag 4 Uhr abholen? Und nun die Hauptbitte und der nächste Zweck dieser kühnen Zeilen: darf ich vielleicht ein Eckchen mir erbitten, um einer Ihrer Vorlesungen — oder vielmehr ihren Poesienströmen zu lauschen? Was hat doch der glückliche Empfohlne vor dem einsamen Enthusiast voraus. Nur einmal Sie sehen und hören! Es staunen ja so Viele den Lenz an — doch wie verschieden sind der Staunenden Empfindungen dabei! Nicht Neugier — die tiefste Begeistrung treibt mich, die Sie für Ewigkeiten in mir genährt haben!
Ihr
Sie tiefverehrender
Moritz Heydrich, st. ph.
II.
Hamburg, 30. October 1846.
Hochverehrter Herr!