Mit innigstem Entzücken erhielt ich so eben Ihr freundliches Schreiben, in dem Sie meinen Wunsch wegen Durchlesung des Mspt. so herablassend erfüllen. Ich hatte kaum gehofft, daß Sie bei Ihrer so vielseitigen Thätigkeit und Beanspruchung sich meiner Sache annehmen würden, und da ich ein Engagement in die Nähe Bremen’s nach Bremerhaven angenommen, so gab ich das Mspt. einem Freunde, der es gern lesen wollte, und mir Aussicht wegen eines Verlegers versprach. Jenes Zigeunerkünstlerengagement in Bremerhaven ist in meinem so höchst contrastreichen Leben des Allerseltsamste, und wiewohl diese etwas excentrische Reise mir jezt an Erfahrungen und Bildern eine wahre Humorfundgrube ist, so war sie doch in der Gegenwart ein wahrhaft grauenvoller Anblick des Lebens und Treibens reisender Bühnen. Wann wird diese schmachvolle Theatermisère in Deutschland einmal enden? Wann wird eine wahrhaft kunstsinnige Leitung junger Talente ähnlich wie in Frankreich auch bei uns eine anständige Theaterschule begründen? Ja wären es noch Sheakspearische „Zettels“ diese Schneider und Schuster-Directoren — aber es sind eben nur Gauner und Gaukler. Ich habe dort freilich Rollen genug zu spielen gehabt, auch mit 5 Musikern und 1½ Singstimme den Freischütz dirigirt, aber das Kunstinstitut widerte mich schon am ersten Tage namenlos an. Die Methode des Spielens war ziemlich holzhackermäßig. Früh 6 Uhr bekam man eine Rolle von 2–12 Bogen, die Probe war 10 Uhr und die Vorstellung davon am nämlichen Tage. Dennoch spielten sie Alle so, als wären sie Ludwig Devrient’s, und Einige versicherten mich, ihr Genie werde schrecklich verkannt. Gott sieht das Herz an! würde Sancho bei ihrem Spiele gesagt haben, die Polizei steckte aber den Einen ein, weil er Gaunerrollen im Leben studirte. Dabei behauptete der Director, seine Bühne sei eine Kunstbühne, und versprach mir, mich zu bilden; als ich beim Hinausgehen gerührt nach meinem Taschentuche suchte, war es leider verschwunden. Und solcher Bettelbanden giebt es hunderte, bei denen oft gute Talente und Grund und Boden, in Schlamm und Koth versinken. Ich hätte mich verachten müssen, wäre ich bei dem Packe geblieben, gebe aber die Anschauungen dieser ewigdenkwürdigen Reise nicht verloren, sondern denke, sie einst zu gestalten. Wiewohl ich Aussichten nach Schleswig habe, so ist doch das Verhältniß dort etwas unsicher, und den Weg durch Winkelbühnen gebe ich entschieden auf. Lieber die kleinsten Rollen, aber nur bei einer anständigen Bühne. Da ich Gottlob Mittel habe, um neben Klavierstunden anständig zu leben, so wird sich wohl früher oder später etwas Solides für mich finden. Inzwischen wird es mir beinahe Lebensbedürfniß über mein Buch einen Aufschluß zu bekommen. Ich hab’ es sogleich hieher zitirt, und schicke es dann sogleich, mag es nun zum Feuertode oder zum Drucke verdammt werden. Sie müßten meine Verehrung für Sie, großer, tiefsinniger Meister, kennen, das namenlose dithyrambische Jauchzen, das Ihr einziger Humor mir verursachte, so oft seine Töne meinem Ohre erklangen, Sie würden dann gewiß meine Scheu und Verlegenheit selbst hinter meiner unbescheidnen Bitte erblicken. Gleichwohl mußte ich’s wagen, um nur etwas klar über mich, d. h. über mein Buch zu sehen. Es ist eine musikalische Symphonie, und wenn Sie ihr „Nein“ aussprechen, gilt es mir mehr, als wenn sämmtliche so genannte moderne Humoristen und Dichter es für den Druck reif sprächen. O wer doch den Zauber Ihrer wunderbarschönen tiefsinnigeinfachen Sprache hätte — den Zauber Ihrer Formenwelt — o was sind gegen Ihren ewig jungen Genius diese sämmtlichen modernen deutschen Humorepigonen. Soviel weiß ich entschieden, daß Sie mein ganzes Wesen schon aus meinem flüchtigen Briefe divinirt haben, denn wenn mit irgend einem Menschen, so treiben Selbstbewußtsein und bewußtloser Humor, Vorsatz und Absichtslosigkeit mit mir tolle Scherzotänze. Alle diese Widersprüche zur Harmonie zu leiten, ist Aufgabe meines Lebens, folglich auch meines Buch’s. Dringend bitte ich Sie, es wie ein Vater zu lesen, dem ein unmündiges Kind sein erstes selbstgeschaffnes Spielwerk zeigt — o schon tausendmal habe ich Ihre lieben, lieben Zeilen durchlesen mit heiligem Entzücken, wie wohl thun sie mir, der geistig so ganz, ganz allein steht. Nicht als ob ich mir irgend wichtig vorkäme, aber in meinem Elemente mögte ich bald mehr leben als bisher, und das will im Grunde doch jeder Mensch. Nur der lichte Farbenbogen des luftigen Humor’s, der hell auf dunkler Wolke steht, entschädigt mich mit seinem Wunderglanze für tausend geistige Leiden — und wie selig würde ich sein, wenn der Humorrausch, der all mein Wesen mitten in Wüsten frisch und rege erhält, wirklich aus dem reinen Urdasee mir emporschäumte und nicht aus dumpfem Sumpfe voll Irrlichter! Haben Sie nochmals tausend, tausend Dank für die freundliche Bereitwilligkeit und Herablassung und verzeihen Sie einem aufrichtigen Verehrer Ihres Genius seine Kühnheit. Möge die Mutter Natur Ihnen Ihre wunderbar-schöpferische Jugendfülle unversehrt erhalten, und mögten Sie in den Herzen derer, die Ihre Werke innig verehren, Ersatz finden für tausend Leiden, die ein unkünstlerisches Zeitalter oft Ihrem wunderseltsamen Geiste verursachen mag. Dankbar küsse ich Ihre seegnende Hand, und bin mit aufrichtiger tiefer Verehrung und Dankbarkeit
Ew. Wohlgeboren
ergebenster
Moritz Heydrich,
Schauspieler.
Addr. Louis Gabain, Deichstraße 58, Hamburg.
Hirzel, S.
Nachstehendes Briefchen eines hochgeachteten Verlagsbuchhändlers soll nur als Einleitung dienen, für das in Abschrift beigelegte räthselhafte Schreiben des Dichters Klinger an die Reich’sche Buchhandlung, vom Jahre 1777.
Kein Mensch bezweifelt, und Tieck hat es als abgemacht angenommen, daß Lenz Autor des Drama’s „die Soldaten“ gewesen sey!