NB. Die Liste wird mit andern Papieren nachfolgen.
II.
Wien, den 6ten Januar 1836.
Auf meinen, vor einem Jahre an Sie aus Wien gerichteten Brief, haben Sie mir nicht geantwortet, theuerster Meister, und dies hat mir sehr wehe gethan. Nicht weil ich an jene Zeilen den Wunsch geknüpft hatte, in Dresden zu spielen, und weil Ihr Schweigen diesen Wunsch vereitelte; sondern mehr deshalb, weil ich daraus ersehe, daß ich Ihnen wenig gelte. Ich habe freilich nichts, was mich berechtigte, Ihre Liebe zu fordern, als etwa meine immer an den Tag gelegte Liebe für Sie — und so mußte ich mich schon bescheiden, ohne deßhalb in meinen Gesinnungen irre zu werden.
Jetzt habe ich eine gewisse Verpflichtung, an Sie zu schreiben, weil ich Ihnen Nachricht von einer meiner neuen Arbeiten geben muß, die ohne Sie nicht entstanden seyn würde. Ich hatte nach längerer Pause wieder einmal Ihres Dichterlebens zweiten Theil gelesen und mich dadurch angeregt gefühlt, daß ich mich unmittelbar daran machte, ein Schauspiel zu beginnen, welches denn nun auch unter dem Titel: Shakspeare in der Heimath, oder die Freunde, über die Bretter gegangen ist. Es war erst mein Wille, auf dem Anschlagezettel dies Drama als ein nach Tieck’s Novelle gebildetes zu bezeichnen. Aber nach näherer Berathung wagte ich es doch nicht, dieses für Wien lockende Aushängeschild zu benutzen, weil ich mich im Feuer des Gefechtes gar zu weit von dem Gang Ihrer Dichtung entfernt hatte. Ich habe Manches aus S.’s Leben aufnehmen zu müssen geglaubt, was Ihre Novelle ignorirt, und habe anderseits gar vieles unbenützt lassen müssen, was für ein Schauspiel, wie wir es brauchen, zu bunt, zu reich gewesen wäre. Auch mußte ich, um zwischen Stratford und London gewissermaßen eine Brücke zu bauen, eine Figur erfinden die in der Person des Sir Lucy von Charlescotes an Sh.’s Wald- und Wildfrevel erinnert, und zugleich jenen Stutzer bezeichnet, den Sie Franzis nennen. Die gute Rosaline ist nun gar etwas ganz anderes geworden, denn um der Censur Willen, (von der Sie keinen Begriff haben, wie dieselbe hier waltet,) durfte ich jenes Weib und ihre Verhältnisse nur ganz oberflächlich nehmen. Auch so ist noch die gute Hälfte der Rolle total weggestrichen worden. Die größte Keckheit meiner Arbeit besteht in der Einführung der Elisabeth, welche bei Gelegenheit eines Maskenfestes den Dichter gleichsam heilig spricht. Auch den jungen Southampton habe ich seiner Mutter, und ihren Einwendungen gegen seinen Umgang mit einem Comödianten, sichtlich gegenüber gestellt. Beide Scenen machen jedesmal eine entschiedene Wirkung. Von den Sonetten habe ich das 81te:
„Or I shall live your epitaph to make“
in die Handlung verflochten und die Freude gehabt, es mit stürmischen Beifall aufgenommen zu hören. Die Umwandlung des Vaters (den nebenbei gesagt meine Wenigkeit spielt) lasse ich, — und dies ist der einzige Punkt wo ich den epischen Gang Ihres Meisterwerkes rein dramatisch fand, — auch durch ein Citat bewirken, und zwar durch die Rede Heinrich des fünften: „Wer wünschte so? mein Vetter Westmorland? &c.“ Ich wünschte Ihnen, und wünsche es nun seit 8 Abenden bei jeder Aufführung, daß Sie den Jubel hören könnten, wenn Southampton am Schluße dieser Rede fragt: Nun Alter was sagt Ihr dazu? — und ich ihm entgegne „ja, sey er noch so niedrig! und wär’ ich dabei gewesen, ich hätte mein Blut auch für ihn vergossen und wäre auch sein Bruder geworden. — Crispin, Crispinian! Mary, mein Schwerdt, meine Lanze! Ich will hinaus! Für unsern guten König Heinrich will ich sterben! Gott und Sankt Georg! Alt-England für immer!“ Dann faßt mich Heinrich S. beim Arm und ruft: Heh, Alter wo seyd Ihr? Und ich sage: „In Frankreich, Herr, in Azincourt!“ und da bricht es los, daß wir nicht weiter reden können.
Diese Arbeit ist mein Schwanengesang für Wien. Denn das Theater, an das ich mich in blindem Vertrauen auf seinen Direktor gekettet hatte, ist (durch die Perfidie dieses Mannes, nachdem er, ein muthwilliger Bankerotteur, entflohen,) in Trümmer gesunken und wir spielen nur auf seinen Ruinen. Der Frühling löset es auf. Die Burg ist mir und meinem Genre verschlossen. Und fände sich bei den andern Vorstadttheatern Gelegenheit zu wirken, so hätte ich der Censur wegen, die mir eine Arbeit nach der andern untersagt, nicht mehr den Muth. Was hier verboten wird, ist eben so unglaublich, als das „Warum?“ unerklärlich bleibt. Am Ende herrscht reine Willkühr und ich staune wahrhaftig bisweilen eben so sehr über das Stehengebliebene, als ich mich über das Weggestrichene verwundere.
So wird denn wieder ein Wanderleben beginnen und von Ihnen hängt es ab, ob ich mich mit meinen harmlosen Productionen auch nach Dresden wenden soll? Ohne Sie belästigen zu wollen, rechne ich doch mit Gewißheit auf eine Zeile von Ihrer Hand, worin Sie mir einen freundlichen Wink geben.
Ich empfehle mich Ihnen und den verehrten Ihrigen mit alter Anhänglichkeit und Treue verharrend