Dr. Rudolph Köpke sagt im Vorworte zu seinem Buche: Ludwig Tieck. Erinnerungen aus dem Leben des Dichters etc. etc. (Leipzig, F. A. Brockhaus 1855.):
„Lange beschäftigte ihn der Gedanke, eine Auswahl des reichhaltigen Briefwechsels herauszugeben, in dem er während eines langen litterarischen Lebens mit den verschiedensten Männern gestanden hatte. Diese Sammlung, so weit sie ihn persönlich betrifft, beginnt mit dem Jahre 1792 und enthält der großen Mehrzahl nach Briefe die an ihn gerichtet sind. In chronologischer Reihenfolge theilte er mir die einzelnen Bände mit zur Durchsicht und vorläufigen Bezeichnung des etwa Auszuwählenden. An jeden wichtigen Brief knüpften sich Erläuterungen und häufig neue Erzählungen &c. &c. &c. So ist es zu verstehen, wenn ich dieses Buch „„Erinnerungen a. d. L. d. Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mittheilungen““ genannt habe.“
Daß unsere jetzt gedruckte Briefsammlung eigentlich als Anhang, Nachtrag zu Köpke’s vortrefflicher Lebensbeschreibung betrachtet werden will, unterliegt keiner Frage.
Desto drohender tritt die andere Frage hervor: Wie ist die Auswahl gerathen? in wie fern erfüllt ihre Zusammenstellung des Verstorbenen Absicht? in wie fern wird sie den Anforderungen genügen, welche unterrichtete Leser daran machen wollen?
Darauf muss ich erwiedern: Nur Herr Professor Köpke, und gerade Er wäre im Stande gewesen, diese Aufgabe, des Gegenstandes würdig, im Sinne Tiecks zu lösen, wie ja schon aus der hier zum Eingange abgedruckten Stelle seines Vorwortes sich zeigt. Deshalb habe ich, bevor ich mich anschickte, dem mir gegönnten Vertrauen durch die That zu entsprechen, ihn dringend schriftlich ersucht: sämmtliche Papiere ihm zusenden, und die schwierige Redaktion ihm überlassen zu dürfen? Er hat darauf bestimmt und wiederholentlich erklärt: „seine Zeit sey jetzt durch andere Arbeiten zu sehr in Anspruch genommen, und er könne zu dieser Verpflichtung gegenwärtig nicht mehr zurückkehren!“ — Erst darauf habe ich mich entschlossen, wirklich zu beginnen; doch hab’ ich mir’s keinen Augenblick während eines halben Jahres verhehlt, daß es mir an gar vielem dazu gebricht; daß mein langjähriges Verhältniß zu Tieck, mag es immer ein vertrauliches, mag ich in seinem Hause heimisch gewesen sein, doch kaum Ersatz gewährt für mancherlei sonstige mir fehlende Kenntnisse wie Eigenschaften; daß ich’s, mit einem Worte, beim besten Willen vielleicht Wenigen zu Danke machen werde; hab’ aber dennoch die Arbeit auf mich geladen, weil schwerlich ein Anderer da war, der sie williger übernommen, der sie besser gemacht hätte; weil ich es für Schuldigkeit halte, einer guten Sache ohne Eitelkeit zu dienen.
Welche Massen von Papieren müßten sich im Laufe so langen Lebens, und bei Tiecks Stellung in der Welt aufgesammelt haben, wäre nicht doch Vieles verloren gegangen! Ordnung zu halten wurde ihm schwer. Dessen selbst bewußt, hat er, was früher glücklich gerettet war, späterhin vor künftiger Verzettelung sichern wollen; hat es in dicke Quartanten zusammen binden lassen, — für’s Gefühl des Handschriftensammlers ein unseeliger Gedanke! Wie es damit bestellt gewesen, das kann nur wissen, wer sich genöthiget sah, wiederum zu trennen und auseinander zu fasern, was des Buchbinders Kleister, ohne Achtung für morsches Papier und halbverwitterte Schrift dick verklebt hatte. Da ist manch’ ein Riß in’s Lebendige geschehen; da war beim „Beschneiden“ (!) des Convolutes manche Nach- manche Namensunter-Schrift glatt weggesäbelt worden; da hatten sich Bogen, deren Format nicht willig paßte, unerbittlicher Gewalt fügen, und biegen oder brechen müssen, daß sie in Fetzen hingen. Und da sind Lücken entstanden, welche weder des Kopisten[1] Umsicht, noch des Redakteurs Konjekturen auszufüllen vermochten.
Bald zeigte sich, daß eine chronologische Eintheilung mißlich, — nach meinem Dafürhalten unmöglich sey. Ich gerathe dadurch in Widerspruch mit dem von mir so hochverehrten Biographen, der (siehe Oben) von einer solchen Reihenfolge spricht. Wahrscheinlich, daß Tieck in der Anlage so etwas beabsichtigt hat. Durchgeführt ward es keinesweges. Ich fand (mit Ausnahme der Schlegel’schen und Wackenroder’schen Briefe, welche zwei selbstständige Bände bildeten) die meisten übrigen in alphabetischer Folge — außer wo der Buchbinder Konfusion gemacht hatte. Diese Folge habe ich denn auch beibehalten, wo sie mangelhaft war, gründlich hergestellt, so daß sich bald gesammter Vorrath nominell übersehen ließ; wobei jedoch immer noch Noth und Sorge blieben, wegen der Zeitfolge in den Briefen der einzelnen Korrespondenten, denen häufig die Daten fehlten, und bisweilen nicht aus dem Inhalt errathen werden konnten. Eben so blieben Abbreviaturen, Citate, Eigen- und Orts-Namen u. dergl. bei fast unlesbarer Handschrift nicht selten räthselhaft.
Nachdem denn endlich der Vorrath gut oder übel in’s Reine gebracht vor Augen lag, begann erst die strengere Auswahl.