Ausgeschlossen mussten werden
Erstens — sollte nicht der Umfang des Buches über alle Berechnung sich ausdehnen, und es ungebührlich vertheuern — diejenigen Briefe, die nicht an Tieck gerichtet, durch dritte Hand in seinen Besitz gelangt sind.
Zweitens sämmtliche Familienbriefe, aus denen Dr. Köpke unschätzbare Aufschlüsse für seine psychologische Entwickelung des reichen Dichterlebens schöpfen, die ich aber, ausdrücklich ertheilter Anweisung gemäß, nicht abdrucken lassen durfte.
Drittens wurde, meinen Ansichten getreu, im Ganzen unterdrückt, oder wo möglich theilweise herausgestrichen, was Anstoß erregen — was noch Lebende persönlich verletzen — was sie um ihrer lieben Todten willen kränken — was endlich den Schreibern Verdrießlichkeiten, und sind sie begraben, üble Nachrede zuziehen könnte. Ich gestehe aufrichtig, daß mir diese Censur einigemale recht schwer wurde; daß ich bei pikanten Stellen die Feder oft in der Schwebe hielt, noch zögernd, ob ich streichen sollte? Doch unser Verleger war mit mir und mit der Erbin dieses Nachlasses einverstanden: ein auf litterarischen Skandal berechneter Effekt sei unstatthaft, und Ludwig Tiecks Angedenken dürfe durch Spekulationskniffe nicht entweiht werden.
Zählen wir noch dazu den Ausfall vertraulicher Zuschriften von Freunden und Gönnerinnen, welche vor oder nach Seinem Tode zurückverlangt, oder welche, wie Friedr. von Raumer’s und Solger’s, bereits anderweitig veröffentlicht sind, so wurde eine befriedigende Vollständigkeit der Sammlung unerreichbar. Wir mußten uns begnügen an dem Gedanken festzuhalten und ihn lebendig zu machen:
All’ diese, mitunter völlig vereinzelten, auch die an sich scheinbar unbedeutenden Blätter, bilden trotzdem ein Ganzes, stehen in innerem Zusammenhange, weil sie, jedes auf seine Weise, der Nachwelt darthun, in welchem Lichte Ludwig Tieck, seit Beginn eines poetischen Jugendlebens bis zum Abschluß hohen Alters, als Dichter — als Gelehrter — als Kritiker — als Vorleser — als Dramaturg — als Mensch, Freund, Rather, Förderer, Wohlthäter.... nicht minder als saumseeliger Briefschreiber, bei drei sich folgenden Generationen seiner Mitwelt gestanden hat.
Wir leugnen’s nicht: es sind hier und da recht schwache Vertreter besagter Mitwelt zugelassen worden.
Nicht ohne reifliche Ueberlegung.
Zu einem umfangreichen historischen Bilde gehören außer den Hauptpersonen viele, vielerlei Nebenfiguren. Auch die geringsten sind zulässig, wofern ihre charakteristische Eigenthümlichkeit in die Hauptidee der Konception gehört. Wie die Sammlung mit einem Franzosen beginnt; wie sie, durch Engländer, Amerikaner, Schweden, Dänen, Deutsche fortgesetzt, dem Leser Weise, Thoren, Staatsmänner, Dichter, Krieger, Naturforscher, Aerzte, Politiker, Frauen, Mädchen und verlorene Söhne vorführt; wie sie mit einem Schauspieler schließt, der des historischen Feldherrn Urenkelneffe war.... so umfaßt sie Tieck’s Dasein.
Er ist es selbst in unwillkürlichen Zeugnissen von zweihundert Menschen, die untereinander getrennt in ihm einen Vereinigungspunkt gewinnen.