Daß selbst die Halbgötter der ersten Klasse nicht immer diese innerliche Poesie der zweiten in einem gleich hohen Grade besitzen, glaube ich nur zu oft wahrgenommen zu haben, und jene Stummgeborenen, zu denen ich, Leider selbst gehöre, müssen sich nur damit trösten, daß gerade diese nie zur Flamme auflodernde Glut ihr inneres Leben gewöhnlich länger warm und jugendlich erhält.
Freilich ist es eine herrliche Erscheinung der Menschheit, wenn ein hoher Genius diese oft gesonderten Eigenschaften in sich vereinigt, und dies, liebster Tieck! ist nach meiner Ueberzeugung, Ihr glückliches Loos. Sie sind doch unstreitig ein großer Dichter, aber welcher Kenner entdeckt nicht zugleich in dem kleinsten Ihrer Lieder den echt-poetischen Menschen, der so freundlich anzieht, u. Zutrauen einflößt, während man den ersten bewundert? Sie sehen, ich spreche so offen mit Ihnen, wie mit einem Dritten, ich erkläre nur mein dankbares Gefühl für Sie — denn ein plattes Lob wäre von meiner Seite schon anmaßend. In dieser Rücksicht stehen Sie uns offenbar näher als Göthe — dessen Seele, ich möchte sagen nicht jungfräulich genug ist, um ein so kindliches Gemüt zu besitzen. —
Begreifen Sie also nun, woher ich den Mut genommen habe, mich so ausführlich mit Ihnen zu unterhalten, als hätten wir uns vor wenig Tagen gesprochen. — Ich setze nehmlich voraus, daß der poetische Mensch in Ihnen noch eben so jugendlich u. umgänglich ist, wie zu der Zeit, die ich noch so lebhaft in mein Gedächtniß zurückrufe. Von mir kann ich wenigstens ehrlich versichern, daß ich den Jahren keine Macht über mein inneres Leben gönne. Schon auf der Schule kamen Schleiermacher u. ich überein, daß ein früheres, oder späteres Altwerden des geistigen Menschen, doch eine wahre Niederträchtigkeit sei, welches immer eine schlechte Erziehung, oder eine leichtsinnig verschwendete Jugend verriethe. Auch hat er bis zu seinem Tod diese Wahrheit bestätigt; und als er mich kurz vorher besuchte, konnten wir an einander nicht die mindeste Veränderung gewahr werden. Freilich war er ein par Jahr jünger, als ich, dafür aber doch älter als Sie, für den also gar keine Entschuldigung gilt, wenn Sie schon aufhören wollten, ein Jüngling zu sein.
Ohne allen Scherz: ich wüste nicht, daß ich seit meinem 20. Jahre irgend eine Verwandlung erlitten hätte. Ernst war schon das Gemüt des Jünglings, u. eben deswegen, hat bei mir die Heiterkeit u. der Frohsinn immer auf einem so sichern Grunde geruht. Meine Freude am Leben, u. selbst an allen Liebhabereien des Geistes, u. der Empfindungen ist noch ganz die nehmliche. Vorzüglich sind aber Wissenschaften und Künste noch immer eine unerschöpfliche Quelle eines fortdauernden Lebensgenusses. Und wie dankbar gedenke ich auch in dieser Hinsicht meiner gründlichen Erziehung auf einer Deutschen Schule. Alles dort eingesammelte habe ich das ganze Leben hindurch so treu aufbewahrt, daß ich es immer mit Sicherheit wieder hervorsuchen kann, wenn es auch Jahrzehende hindurch völlig geschlummert. Schleiermacher war ganz verwundert, als er mich jezt viel tiefer eingeweiht fand in allen Geheimnissen griechischer Schriftsteller, als auf der Universität, wo wir uns Tag u. Nacht mit ihnen beschäftigten. Dies gab uns Gelegenheit vor hiesigen Gelehrten mit unsern Herrnhutischen Schulen zu prahlen, die wir beide nirgends übertroffen gefunden. Zufällig wurde behauptet: daß die Kunst Lateinische Verse zu machen, heute zu Tage völlig ausgestorben sei, auch diejenigen, welche in der Jugend sich damit beschäftigt hätten, würden keinen Versuch mehr darin wagen. — „Was meinst Du? sagte Schleiermacher, Du galtest ja sonst für einen geübten Lateinischen Dichter.“ — „Ich meine, antwortete ich, daß man nichts vergißt, was man gründlich gelernt hat, und ich nehme noch eine Wette an, ob ich gleich in beinah 40 Jahren keinen Lateinischen Vers geschrieben habe.“ — u. so schickte ich unsern Upsaliensern bald darauf ein ziemlich langes Gedicht, für welches sie mich auf meine alten Tage noch zum Magister machen wollten. Auch hatte ich wirkl. kaum 10 Zeilen geschrieben, als es mir vorkam, als hätte ich eine seit Jahren verschlossene Schublade geöfnet, in der ich noch alles in der vollkommensten Ordnung wieder fand. Wer vergißt denn jemals, was er wirklich treu u. redlich geliebt hat. Ein gutes, vielseitiges Gedächtniß steht immer in Verhältniß zu der Menge von Gegenständen, die uns einst eine lebendige Theilnahme eingeflößt haben, u. selten nimmt das Gedächtniß früher ab, als das Herz vertrocknet. —
Uebrigens muß ich mich wohl auf Gelehrsamkeit beschränken, da ich als „Stummgeboren“ nichts besseres thun kan, u. da mir die hiesige Alltagswelt zu blaß ist, um mich ihr oft hinzugeben. Genußreicher finde ich freilich mein kleines Museum, wo mir immer noch die Tage zu kurz scheinen, um solche nicht wie sonst durch halbe Nächte zu verlängern.
Wie wollte ich aber noch mit Ihnen die herrlichen Gegenden um Dresden durchwandern, wo der Jüngling bisweilen an einem Tage 6 bis 7 Meilen zu Fuße machte; u. ich hoffe Sie sollten mich da noch so ungealtert finden, wie eine hiesige Freundin, die mich neulich fragte: „Waren Sie denn in Ihrer Jugend wirklich auch so jugendlich wie jezt?“ — — Ach! mein Deutschland! und mein Knabenfrohes Sachsen!
„Ach! wie sehnt sich für und für
schönes Land! mein Herz nach Dir!
Werd’ ich nie Dir näher kommen,
Da mein Sinn so zu dir steht?