wo sie wähnen

schönre Sterne!“ —

Was gäbe ich nicht darum, mein edler Freund, wenn ich jetzt nur einige Stündchen mit Ihnen verplaudern könnte, vorzüglich auch über Göthe, den so sinnlich-klaren, u. doch in mancher Rücksicht so unerforschlichen Proteus. Wie viele Fragezeichen habe ich nicht überall an den Rand gezeichnet, worauf Sie mir vielleicht antworten könnten, auch wo diese Antworten Ihnen nicht erleichtert würden durch übereinstimmende Gesinnung, sondern bloß durch scharfsinnigeres Ahnungsvermögen eines so nahverwandten Genius. Wie tief bedauere ich, daß ich die Zeit unsers Beisammenseins nicht mehr benuzte; denn verloren war bei mir nie etwas, noch so früh empfangenes, sondern wucherte gewöhnlich das ganze Leben hindurch, wenn es auch spät erst zur Frucht reifte. O! mihi praeteritos referat si Jupiter annos!“

Und doch war jene Zeit ein herrlicher, unvergeßlicher Frühling! Einer mit dem ich damals das geistige Leben am vertraulichsten durcharbeitete, war Friedrich Schlegel, den ich immer den Dichter nannte, während sein Bruder mir bloß der Dichtende hieß. Als Tiefdenker mir unendlich überlegen, fand er doch bald so viel Empfänglichkeit in mir, daß er behauptete noch niemand gefunden zu haben, mit dem er sich so allseitig hätte mittheilen können, ohne in Streit zu gerathen, auch wo wir noch so entgegengesetzte Grundsätze verriethen.

Nach seinem Uebertritt zur römischen Kirche, schrieb mir Schleiermacher: „Kanst Du mir diesen Schritt unsers Freundes wohl näher erklären? Ich frage Dich, weil er mir selbst gesagt, er hätte mit Keinem so ernst u. so offenmütig, wie mit Dir, das Christenthum, nach allen dessen Richtungen durchgeforscht. Ich kann mir seine innern Gründe unmöglich denken; u. weltliche mag ich bei einem solchen Manne durchaus nicht annehmen.“

Allein ich hatte damals Schl. in mehreren Jahren nicht gesprochen; wohl aber haben seine spätern Schriften mich mit seinem Katholizismus versöhnt. Es scheint nehmlich, daß, wenigstens gleichzeitig mit diesem Uebergang, auch eine wirkliche Sinnesänderung bei ihm vorgegangen; denn wie mild, billig und wahrhaft christlich finden wir ihn, selbst in seinen spätern Streitschriften, wenn wir solche mit den frühern vergleichen. Jacobi machte dieselbe Bemerkung, u. schrieb mir einmal: „Hätten Sie wohl je geglaubt, daß Fr. Schlegel u. ich einander bei Gegenständen der Vernunftforschung so freundlich und christbrüderlich begegnen würden?“ — Eine große Hinneigung zur Neuplatonischen Auffassung des Christenthums hatte ich früh in ihm entdeckt, welche mir nun durchaus nicht zusagte. Dagegen versicherte ich ihm, man könne dem Christenthum nicht inniger zugethan sein, wie ich, wenn man nur nicht forderte, daß ich ein strengerer Christ sein solte, als — Christus selbst. Ich hätte nehmlich überall gefunden, selbst bei meinen Hernhutern, wiewohl da seltener, daß die eifrigsten Christen sich in 2 ganz bestimmte Klassen abtheilen ließen. Die einen wären die Gelehrten, oder Historischen, denen das sich nach u. nach entwickelte Lehrgebäude des Glaubens wichtig u. heilig sei — die Rechtgläubigen jeder Kirche, — die andern hingegen empfänden bloß ein tiefes Bedürfniß, sich die Gesinnungen, die ganze Denk- u. Empfindungsweise des Erlösers kindlich anzueignen. Ihnen ist das wichtigere, „den Willen desjenigen zu thun, der Ihn gesandt hat, u. dadurch inne zu werden, ob seine Lehre von Gott sei.“ — Alle Spizfindigkeiten der Kirchengelehrten scheinen ihnen unwesentlich. Die Dreieinigkeit macht ihnen keinen Kummer, u. selbst von Christus mögen Sie wohl sagen wie Haller von seiner Geliebten:

„Ich strebe nicht Dich zu vergöttern,

die Menschheit ziert Dich allzusehr.“ —

Zu dieser 2ten Klasse nun bekenne ich mich mit aller Innbrunst des Herzens, u. aller Freiheit der Seele. — Dabei leugne ich keinesweges, daß nicht beide Eigenschaften sehr glücklich vereinigt werden können; nur allgemein kann dies nicht angenommen werden; u. ohne diese christliche Gesinnung, scheint mir die gelehrte Rechtgläubigkeit von sehr geringem Werth. — Daher hat auch A. W. Schlegel mich u. die Frau von Staël schrecklich ermüdet durch seine streitsüchtigen Anempfehlungen eines solchen gelehrten Katholizismus. —

Hier aber müssen Sie mir erlauben, eine ähnliche Bemerkung zu machen über die verschiedenartigen Schüler u. Anbeter der Muse, zumahl dies Sie selbst etwas näher angeht. Ich theile nehmlich diese ebenfalls in 2 sehr bestimmte Klassen. Die wirklichen Dichter, die Selbstschöpfer im Reiche des Genius, die Beherrscher der Einbildungskraft und der Seelenvermögen; — dann aber die „poetischen Menschen“, die zwar für allen Reichthum der Dichtung die regsamste Empfänglichkeit besitzen, die aber keine Kraft von der Natur empfingen, selbst hervorzubringen was sie im Geist so lebhaft anschauen. Sie verwandeln gewissermassen ihr ganzes Leben, die sie umgebende Wirklichkeit, ihr Denken u. ihr Gefühl zu einem Gedicht; aber stummgeboren vermögen sie was ihr inneres bewegt, nicht auszuhauchen in Gesang u. Rede.