Freilich sagte mir Chenier einmal mit großer Selbstgefälligkeit: „Ich habe wirklich Schillers Don Carlos durchgeblättert; man muß auch das Mißlungene nicht verachten. Das Unglück Deutscher Dichter ist, daß sie nun einmal ohne Geschmack geboren sind, und von eigentlicher Kunst u. Gemütsschilderungen nicht einmal von unsern großen Meistern etwas gelernt haben. Ich gedenke nun selbst, einen Filipp II. zu schreiben!“ —

Dagegen habe ich wohl manchmal auch von den Bessern der Unsrigen hören müssen: „die deutsche Art u. Kunst sei allerdings reich, tief u. vielseitig, dafür scheine sie aber auch immer nur ein unendliches Bruchstück bleiben zu wollen.“ Dies liesse sich wohl auch in einem gewissen Sinne behaupten; erinnert mich aber an ein sinniges Wort der sel. Varnhagen, als jemand in ihrer kleinen Gesellschaft sagte, „es ist doch Schade, daß der Faust nur ein Bruchstück wäre.“ — „Schade?! rief sie aus. Als wäre das nicht gerade das größte Verdienst dieses unendlichen Gedichts! Gerade dadurch ist es ja eine so treue Darstellung der ganzen Menschheit; denn was ist sie, das Leben u. die Welt für uns anders, als ein ewig anziehendes, ewig unvollendetes Bruchstück? Göthe darf das Gedicht nicht fortsetzen, oder gar vollenden, wenn sein Gemählde noch dem Urbilde gleich bleiben soll; denn all unser Denken, Träumen u. Ahnen; alle unsre geistige u. sinnliche Liebe, alles was wir von Gott, oder dem Teufel uns einbilden; — Genuß, Sehnsucht, Verzweiflung, Tugend und Verbrechen — alles enthält schon dieses überreiche Bruchstück eines unendlichen Kunstwerks.“

Und nach dieser Ansicht zweifle ich sehr, ob meine Freundin den 2ten Theil des Faust für eine Vollendung des ursprünglichen Gedichts hätte gelten lassen. —

Ich würde also auch mit denen nicht streiten, die etwa alle Ihre Dichtungen zusammengenommen, als ein solches unendliches Bruchstück des großen Weltgedichtes betrachten möchten. Bleibt das Vollendete des Lebens nicht in jeder Rücksicht bloß ein Gegenstand der Ahnung und der Sehnsucht?

„Warum Schmachten?

Warum Sehnen?

Alle Thränen

ach! sie trachten

weit nach Ferne,